Die t├╝rkische Expansionspolitik im Nahen Osten

Die türkische Expansionspolitik im Nahen Osten


Dr. Jacques Neriah

 


Während die iranischen Hegemonialbestrebungen im Nahen Osten seit geraumer Zeit im Fokus der Weltöffentlichkeit stehen, ist es der Türkei gelungen, ihre militärische Präsenz in der Region soweit zu projizieren, dass sie zur ernst zu nehmenden Sorge für die "gemäßigten" arabischen Staaten – v.a. für Ägypten und Saudi Arabien – herangewachsen ist.

Tatsächlich hat die Türkei seit ihrem Einmarsch in Nordzypern 1974 ihre bedeutende militärische Macht im Nahen Osten eher heruntergespielt. Der syrische Bürgerkrieg, das Auftauchen des IS und die Verbreitung des radikalen Islam trafen aber in Erdogan auf einen Präsidenten, der mit den Muslimbrüdern identifiziert wird. Kein Wunder, dass die arabischen Kritiker der Türkei "die neuen Osmanen" mit Argwohn betrachten.

Die türkische Einmischung in Syrien begann mit ihrem ersten militärischen Einmarsch im Februar 2015, als sie 35 Kilometer weit auf syrische Territorium vorstieß, um das Grabmal Suleiman Shahs abzusichern, des Großvaters Osmans I, dem Gründer des Osmanischen Reiches. (1) Die Türkei behauptete, dass das Grabmal durch den Kampf des IS gegen das Assad-Regime gefährdet wäre. Es stellte sich heraus, dass die Türken im Rahmen eines Abkommens mit Syrien (dem Vertrag von Lausanne von 1923) eine 40 Mann starke Wachtruppe vor Ort stationiert hatte. Durch die Ereignisse unter Druck gesetzt marschierte die Türkei kurz in Syrien ein und evakuierte das Grabmal und die Reliquien des Mausoleums mit der erklärten Absicht, diese irgendwann zurückzugeben.

Während des gesamten Syrischen Bürgerkriegs hat die Türkei bis heute "ihre" Rebellengruppen im Kampf gegen Assad unterstützt, ihnen Waffen, Training, Rückzugsgebiete und Passage durch türkische Gebiete geboten. Gleichzeitig hat die Türkei aber auch Wege gefunden, mit Russland und dem Iran – den Schutzmächten Assads – zu kooperieren. Das Land vermochte, eine stillschweigende Billigung seines Einfalls ins kurdische Gebiet von Idlib nahe der südwestlichen Grenze mit Syrien zu erzielen. Unter dem Vorwand des Kampfes gegen den IS begannen türkische Truppen im August 2016 die "Operation Schild des Euphrates", bei der türkische Truppen weit auf syrisches Gebiet westlich des Euphrates vorstießen. Sie wurden erst zu halt gebracht, als sie die amerikanische Flagge über den kurdischen Territorien östlich des Flusses sahen.

 


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Karte der türkischen Stationierung in Idlib
(Intitute for the Study of War)

 

Die Türkei hielt ihren Druck unvermindert aufrecht und entsandte im Januar 2018 Truppen, um die kurdische Stadt Afrin anzugreifen, mit der Begründung, die kurdische YPG zu bekämpfen, die die Türkei als eine weitere Inkarnation der aufständischen PKK betrachtet. Ungeachtet der Warnungen der Amerikaner, Franzosen und der NATO haben Erdogan und seine Minister damit gedroht, weiter nach Osten vorzurücken, um die sich unabhängig erklärt habenden Kurdengebiete von Kobane bis östlich von Rakka auszumerzen.

Auffallend ist nur, dass die Türkei den Vorwand der Bekämpfung von IS und PKK ganz ähnlich benutzt hatte, um ihre Militärpräsenz auf irakischem Gebiet zu rechtfertigen. Im Jahr nach dem IS-Blitzkrieg und dem Fall Mossuls hatte die Türkei ein Panzerbataillon östlich von Mossul in eine kleine assyrische Stadt namens Baashiqua verlegt, mit der Behauptung, die kurdischen Peshmerga im Kampf gegen den IS zu trainieren.

Während 2017 jedoch die letzten Reste des IS in der Gegend von Mossul vertrieben wurden, erbat die irakische Regierung von der Türkei, ihre Truppen aus dem Irak abzuziehen. Die Türkei verlautbarte, dass der Rückzug erst nach der Auslöschung des IS erfolgen würde. Mit der Rückeroberung Mossuls und der Niederlage des IS wurde die Forderung jedoch nicht weiterverhandelt, da der Irak plötzlich die türkische Hilfe bei der Isolation und "Bestrafung" der kurdischen Enklave zu schätzen wusste, die es gewagt hatte, ein Unabhängigkeitsreferendum abzuhalten.

Das türkische Militär verfolgt dabei auch eine eigenständige politische Agenda. Der türkische Militärgeheimdienst wird von den ägyptischen Behörden beschuldigt, den islamistischen Aufstand auf dem Sinai zu unterstützen,(2) während libanesische Quellen die Aktivitäten türkischer Agenten bei der Destabilisierung des Libanon beklagen.(3)

Türkei am Golf

Im Unterschied zu den türkischen Verwicklungen in Syrien, dem Irak, Libanon und Ägypten, kommt bei der türkischen Militärpräsenz in Qatar eine weitere Dimension ins Spiel. Im Rahmen eines von beiden Ländern 2014 unterzeichneten Verteidigungsabkommens entsandte die Türkei ein 4,000 Mann starkes Kontingent, womit sich das Königreich gegen saudische Einflussnahme ebenso absichert wie gegen iranische Subversionsversuche.

 

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Türkische Panzerfahrzeuge in Qatar
Juni 2017
(Al Jazeera)

Zweifelsohne wurde die türkische Militärpräsenz von Saudi-Arabien als Hindernis interpretiert, als das Land einen Einmarsch in Qatar in Folge der von den Mitgliedern des Golf-Kooperationsrats verhängten Blockade erwog.

Im Bestreben, militärische Macht und Einfluss weiter auszudehnen, stellte die Türkei 2018 eine 50 Mio. Dollar teure Trainingsbasis in der somalischen Hauptstadt Mogadischu fertig, in der unter türkischer Leitung 5-10,000 Rekruten aus Somalia und anderen afrikanischen Ländern trainiert werden.(4)

 

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Türkische Armeebasis in Somalia im Bau

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Fertiggestellte Armeebasis in Somalia
(Somalia.liveuamap)(5)


Schließlich gestattete die sudanesische Regierung nach einem Besuch Erdogans im Sudan im Dezember 2017 die Verpachtung des Hafens Suaki am Roten Meer, 60 Kilometer südlich von Port Sudan. Die Türkei hat sich dafür verpflichtet, Suakin wieder in Stand zu setzen und zu seiner einstigen Blüte als wichtiger Hafen für die militärische und zivile Schifffahrt zurückzuführen. Von einer natürlichen Bucht geschützt war Suakin einst das Hauptquartier der osmanischen Rotmeerflotte.

 

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Suakin an der sudanesischen Rotmeerküste
(Wikiwand)


Der Hafen verlor jedoch seine Bedeutung als der damalige Generalkonsul von Ägypten Lord Cromer den Bau Port Sudans im Norden befahl, wodurch Suakin nicht weiter genutzt und vergessen wurde.

Arabischer Widerstand gegen türkische Rotmeerbasis

Die letztere Entwicklung war es dann auch, was für die arabischen Staaten das Fass zum Überlaufen brachte. Ägypten und Saudi-Arabien griffen die Türkei und den Sudan scharf dafür an. Die Sudanesen wurden beschuldigt, ein arabisches Land an die "neuen Osmanen" verkauft zu haben, der sudanesische Präsident sei daher ein Verräter der arabischen Sache. In Folge dessen verschärfte sich der Wasserstreit zwischen Ägypten und Äthiopien, wobei der Sudan sich auf die äthiopische Seite stellte.


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Umstrittene Gebiete zu Land und Wasser
(Wikimedia)


Der Sudan beansprucht des Weiteren das umstritten Gebiet im Halaib-Dreik zwischen Sudan und Ägypten, was von ägyptischer Seite ignoriert wird. Ebenso erklärte der Sudan die ägyptische Abtretung der beiden Inseln Sanafir und Tiran an Saudi-Arabien als illegal mit der Behauptung, dass sie zum Erbe des Sudan gehören würden. Die Ägypter wiederum behaupteten, dass Suakin Teil des ägyptischen Königreiches gewesen sei und von den Briten vom Mutterland abgetrennt worden wären. Dem Sudan wurde vorgeworfen, sich im Streit um den äthiopischen Renaissance Damm auf die Seite Äthiopiens gestellt zu haben. In Konsequenz kam es zu Gerüchten, dass ägyptische Truppen einen Angriff auf den Damm am Nil vorbereiten würden, während sudanesische Truppen sich im Kassala-Gebiet zwischen Eritrea, Sudan und Äthiopien in Stellung bringen würden.

Ein Notfall-Treffen zwischen dem äthiopischen Premier und dem ägyptischen Präsidenten Al-Sisi scheint die Nerven etwas beruhigt zu haben, wobei die Augen auf den nächsten Schritten der Türkei liegen.

Zusammengefasst heißt dies, dass die Türkei Erdogans seit geraumer Zeit seine militärische Macht im ganzen Nahen Osten unter Ausnutzung verschiedenster Krisensituationen verstärkt projiziert. Aktuell scheint es, als würde das Land diese Macht in seinen politischen Diskussionen mit Freunden wie Feinden ausspielen. Angesichts der lokalen Macht von Iran, Russland, der amerikanischen Koalitionen und Israel hat die Türkei beschlossen, Stärke zu demonstrieren, um gehört zu werden.


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1 BBC, Turkey enters Syria to remove precious Suleyman Shah tomb, http://www.bbc.com/news/world-middle-east-31572257
2 http://jcpa.org/article/egypt-accuses-turkey-of-subversion/
3 http://jcpa.org/article/is-turkey-planning-to-destabilize-lebanon/
4  https://www.garoweonline.com/en/news/somalia/somalia-turkish-president-to-open-a-military-base-in-mogadishu
5 https://somalia.liveuamap.com/en/2017/30-september-turkey-has-opened-its-largest-overseas-military