ISIS im Irak: Werden durch den Fall von Mossul die Karten neu gemischt?

ISIS im Irak: Werden durch den Fall von Mossul die Karten neu gemischt?

Jaques Neriah

Mit der Eroberung Mossuls konnte die radikalislamistische Gruppe „Islamischer Staat im Irak und in Syrien“ (ISIS) ein wesentlichen Erfolg verbuchen.   1,5 Mio. Menschen leben in der zweitgrößten Stadt des Landes. Auf diese Weise ist es ISIS gelungen, ein zusammenhängendes Herrschaftsgebiet zu schaffen, das sich von Ramadi und Falludscha nördlich von Bagdad bis zu den irakisch-kurdischen Gebieten westlich von Arbil, die Kurdengebiete Syriens und vorbei an den Städten al-Raqqa und Aleppo bis zur türkischen Grenze nahe Qamishli erstreckt.

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Folgt ISIS dem bereits in den von ihr in Syrien eroberten Gebieten etablierten Muster, dann wird sie versuchen, ein islamistisches Kalifat auf Grundlage der Sharia zu errichten, geführt vom ISIS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi – einem Dschihadisten, der sich 2003 Al-Qaida anschloss. Es kam zum Bruch mit Al-Qaida-Führer Ayman Al-Zawahiri, als jener verlangte, dass Baghdadi sich in den syrischen Kämpfen der Nusra-Front unterordne.

Die von ihr beherrschten nichtislamischen Bevölkerung stellt ISIS vor die „Wahl“ zwischen Konvertierung zum Islam, einer Sondersteuer pro Kopf oder Vertreibung. Erstes Anzeichen dieser Entwicklung ist die Massenflucht von 500,000 Einwohnern Mossuls, vorwiegend Assyrern christlichen Glaubens, welche historisch die Mehrheit der Bevölkerung der Provinz Ninawa stellen.

Die Bedeutung des ISIS-Sieges

Die Erfolge der ISIS dürften schwere Konsequenzen haben:

Ursprünglich waren Analysten davon ausgegangen, dass die ISIS nur über zwei- bis dreitausend Kämpfer verfügen würde. Die Eroberung Mossuls deutet auf eine grobe Unterschätzung von ISIS hin.

Darüber hinaus scheint es, dass ISIS die Kommunikationsfähigkeiten und taktischen Leistungen organisierter Armeen beherrscht, womit sie nicht mehr als Guerillagruppe oder schlecht disziplinierte Bande zu gelten haben.

Die schnelle Auflösung der irakischen Armee und ihr chaotischer Rückzug zeugen von einem drastischen Mangel an Führung, Moral und Entschlossenheit, die Aufständischen zu bekämpfen. Dies dürfte dazu führen, dass ISIS ihre Erfolge nutzt, um das Territorium zu vergrößern.

ISIS stößt dabei an das Gebiet der irakischen Kurden. Folgende Einschätzungen ergeben sich daraus zur Zeit:

1.    Die Kurden werden angesichts der Schwäche des irakischen Zentralregimes alle notwendigen Maßnahmen ergreifen, um ihre Autonomie zu verteidigen und den Einfluss auf das benachbarte syrische Kurdistan auszudehnen. Die Kurden verstehen sehr wohl, dass sie nach den Assyrern die nächsten Ziele der ISIS darstellen könnten, und werden alles versuchen, den Vormarsch der Dschihadisten auf ihrem Gebiet zu verhindern. Der Fall Mossuls könnte zum Beginn der Errichtung kurdischer Unabhängigkeit werden.

2.    Mossul ist eine strategisch wichtige Stadt zwischen Syrien und dem Iran, durchzogen von einer ganzen Reihe wichtiger Erdöl-/Erdgaspipelines zwischen Ost und West, Nord und Süd. ISIS stellt eine Bedrohung der Erdölförderung- und Transportgebiete dar. Die Destabilisierung des Nordirak und die sich verschlechternde Sicherheit anderer Gebiete wie Bagdad oder bis nach Basra hätte fatale Auswirkungen auf die irakische Erdölproduktion und den Export. Ein Extremszenario wäre eine Situation wie in Libyen, wo die Herrschaft der Milizen die Erdölindustrie praktisch zum Erliegen gebracht hat. Gegenwärtig füllt der Irak die libysche Lücke auf dem Weltmarkt. Fraglich ist, ob der Iran und Saudi Arabien den Ausfall des Irak kompensieren könnten.

3.    45 Kilometer nördlich von Mossul liegt der gigantische Mossul-Staudamm.  Gebaut auf einem wasserlöslichen Gipsfundament hat der ehemalige „Saddam-Damm“ große Sorgen hinsichtlich seiner Stabilität ausgelöst, so dass seit 2003 ein umfangreiches Rekonstruktions- und Stabilisationsprogramm aufgewendet wurde. Ein von Menschen verursachter oder auch ein natürlicher Kollaps des Dammes würde eine gigantische Flutwelle auslösen, der zehntausende von Menschen zum Opfer fallen und die die größten Städte des Landes überfluten würde.

Amerikanische Experten haben davor gewarnt, dass bis zu 500,000 zivile Verluste zu beklagen sein könnten, wenn Mossul und Bagdad unter meterhohen Flutwellen begraben werden. Angesichts dessen ist der Mossul-Damm der gefährlichste Staudamm der Welt.

Gegenwärtig ist unklar, ob ISIS, die Kurden oder die irakische Regierung den Damm kontrollieren. Würde er jedoch in die Hände der ISIS fallen, so wäre er eine Waffe ungeheuren Ausmaßes, die die Dschihadisten zur Erpressung des irakischen Regimes verwenden könnten. Selbst wenn sie nicht den Versuch unternehmen, den Damm zu zerstören, ergäben sich Sicherheitsfragen hinsichtlich der Stabilität und der Erhaltung des Fundaments, wenn sich niemand fortgesetzt fachgerecht darum kümmert.

4.    Um den Irak als politische Einheit zu bewahren, bleibt dem Maliki-Regime nichts anderes übrig als ISIS den Krieg zu erklären. Scheitert es darin, Mossul und andere Städte von der ISIS zurückzuerobern, sendet sie anderen Teilen des Irak das Signal, sich besser um die eigenen Interessen zu kümmern. Dies würde zu einer Vierteilung des Landes führen – die Kurden im Nordosten, die Sunniten in der Gegend von Bagdad, ISIS im Norden und die Shiiten im Süden rund um Najf, Karbala und Basra.

5.    Angesichts dieser Situation dürfte der Iran sich aller Wahrscheinlichkeit militärisch einmischen, um den schiitischen Nachbarn zu unterstützen. Eine Teilung des Landes könnte der Iran nicht akzeptieren, da derartige Entwicklungen die Unabhängigkeitstendenzen im eigenen Land verstärken könnten. Wie in Syrien hieße ein Verlust des schiitischen Irak an die Sunniten, früher oder später in einen Konflikt hineingezogen zu werden. Daher stünde der Iran vor der Wahl ähnlich wie in Syrien durch Proxies wie die irakische Hisbollah, Expeditionstruppen der libanesischen Hisbollah oder seine eigenen Basij-Einheiten zu intervenieren.

6.    Auch die Vereinigten Staaten müssten umgehend aktiv werden, wenn sie ihre nationalen Interessen in der Region wahren und verhindern, dass andere die amerikanische Rolle im Irak übernehmen. Die USA haben kein Interesse an einem geteilten Irak oder einem irakischen Bürgerkrieg, doch stehen den Vereinigten Staaten zu einer Intervention kaum Truppen zur Verfügung. Die amerikanische Reaktion dürfte sich auf nachrichtendienstliche Unterstützung, Drohneneinsätze, militärisches Training und Beratung sowie die Lieferung erstklassiger Waffen- und Überwachungstechnik beschränken. Dabei dürfte die amerikanische Regierung im Rahmen der aktuellen Verhandlungen mit dem Iran auch regionale Fragen wie die Stabilität des Irak thematisieren.

7.    Schließlich dürfte der Sieg der ISIS in Mossul Strahlkraft für andere dschihadistische Organisationen haben und weitere Bedrohungen für die Golfmonarchien heraufbeschwören. ISIS hat bewiesen, dass Jahre nach der Machtübernahme Afghanistans durch die Taliban und Malis durch die MNLA Dschihadisten zu massiven Operationen fähig sind und sich nicht nur auf Guerillakrieg beschränken.

Andererseits zeigen aber auch die Beispiele von Afghanistan, Mali, Syrien, Somalia, Jemen oder der Zentralafrikanischen Republik, dass keine Terrororganisation einen frontalen Konflikt mit einer organisierten und gut geführten regulären Armee besteht. Es liegt an der irakischen Regierung, nun die Entscheidung zu treffen, ob sie sich dem Kampf stellen will, um zu überleben.