Iranisch-Saudische Beziehungen vor dem Abgrund

Iranisch-Saudische Beziehungen vor dem Abgrund

GenLt. Michael Segall


Die Hinrichtung eines der wichtigsten Schiitenführer Saudi Arabiens Scheich Nimr Baqir al-Nimr, der die schiitische Protestwelle während des Arabischen Frühlings anführte, treibt die historischen Spannungen zwischen Teheran und Riad auf einen neuen Höhepunkt. In seinen Predigten hatte er das saudische Königshaus scharf kritisiert ("Befreit Palästina und nicht Bahrain") und seine Unterstützung für den Iran bekundet.(1) Diese Reden wurden zur Grundlage für das 2014 ausgesprochene Todesurteil, das zusammen mit 46 anderen, auf Terrorismusanschuldigungen beruhenden (vier davon galten Schiiten) Anfang Januar vollstreckt wurde. Die Hinrichtung führte zu Unruhen im Gouvernement Qatif im Osten des Königreichs.

Der Oberste Führer des Iran Khamenei verlor keine Zeit damit, die Drohung auszusprechen, dass diese Hinrichtung nicht ohne Konsequenzen bleiben werde. Der Iran hatte bereits zuvor einige Male vor der Vollstreckung gewarnt. Khamenei erklärte: "Zweifelsohne wird das Blut dieses unschuldigen Märtyrers seine Spuren hinterlassen. Saudische Politiker werden die Rache des Himmels spüren." (2) Die Worte Khameneis, der das Schweigen des Westen und der Menschenrechtsorganisationen anklagte, verbreiteten sich in sozialen Netzwerken in verschiedenen Sprachen. (3)

Khamenei attackierte die saudische Politik gegenüber den Schiiten Bahrains und des Jemen, zog eine Verbindung zwischen den Israel zugeschriebenen gezielten Tötungen Kuntars (Hisbollah) und Scheich Yassins (Hamas) mit der Hinrichtung al-Nimrs und beschwor, dass Erweckungs- und Widerstandsbewegungen nie durch Anschläge unterdrückt werden könnten. (4) Die iranischen Medien beeilten sich, Verurteilungen schiitischer Geistlicher und anderer aus der ganzen Welt zu veröffentlichen – aus dem Irak, aus Pakistan, aus dem Jemen (Ansar Allah), von der Hisbollah und der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP).

Ganz unmittelbar auf die Hinrichtung und die scharfe Verurteilung durch Khamenei stürmte ein iranischer Mob die saudische Botschaft in Teheran, zündete sie an, riss die Fahne des Königsreich herab und schändete sie. Saudi Arabien wiederum verkündete umgehend, dass es den diplomatischen Kontakt zum Iran abbrechen werde. Bahrain, Kuwait, die Vereinigten Arabischen Emirate und der Sudan folgten sofort dem Beispiel Riads. Der Iran benannte ebenso schnell die Straße, in der sich die saudische Botschaft befindet, in Nimr Baqir al-Nimr Straße um.

Saudi Arabien hatte bereits 1988 seine Beziehungen zum Iran abgebrochen, sie aber 1991 nach dem Golfkrieg wieder erneuert. Es beschuldigt das Land der Subversionspolitik auf saudischem Territorium und dem der Golfstaaten. Im Juli 1987 kam es zu einem Zusammenstoß zwischen saudischen Sicherheitskräften und iranischen Pilgern, während ihrer Sonderzeremonie zur "Verwerfung der Ungläubigen". Seit damals ist diese Zeremonie Grund für Spannungen zwischen beiden Staaten. 1987 wurden hunderte iranische Pilger und zahlreiche saudische Sicherheitskräfte getötet. Der Iran übte Vergeltung, indem er eine Reihe von Attentaten auf saudische Diplomaten im Ausland durchführte. Im September 2015 starben erneut hunderte Pilger aus aller Welt in Saudi Arabien, dieses Mal durch eine Massenpanik, doch der Iran beschuldigte das Könighaus des "schlechten Managements", das zum Tod von über 40 iranischen Pilgern geführt habe. (5)

In Folge der Hinrichtung Scheich al-Nimrs haben die Spannungen zwischen den beiden Regionalmächten, die beide die Hegemonie in der islamischen Welt anstreben, einen weiteren Höhepunkt erreicht. Auf der einen Seite steht der schiitische Iran, der seit der Unterzeichnung des Atomabkommens mit dem Westen einen Machtzuwachs verzeichnen konnte, während ihm das Abkommen ermöglicht, sein Atomprogramm fortzusetzen, die Wirtschaft zu regenerieren und den regionalen Einfluss mit amerikanischer Billigung auszubauen. Auf der anderen Seite steht das sunnitische Saudi Arabien, das darum bemüht ist, die seit dem Arabischen Frühling und dem amerikanischen "Verrat" destabilisierte arabische Welt wieder ins Gleichgewicht zu bringen wie die eigene innere Ordnung und seinen Status in der islamischen Welt aufrecht zu erhalten. Mit großer Sorge blickt es auf den schiitischen Aufstieg an seiner Ostgrenze (Iran, Irak) und im Süden (Jemen).

Beide Staaten führen mit Hilfe ihrer Verbündeten einen Kalten Krieg im gesamten Nahen Osten im Ringen um die Vorherrschaft bei der Gestaltung der Region in Folge des Arabischen Frühlings. Dieser Kampf wird hauptsächlich im Jemen, dem Hinterhof Saudi Arabiens geführt (zuletzt beschossen die vom Iran gestützten Houthi-Milizen Saudi Arabien vom Jemen aus mit Raketen), in Syrien – wo der Iran versucht, Assad an der Macht zu halten, die Saudi hingegen ihn stürzen möchte – im Bahrain, wo der Iran die schiitische Mehrheit gegen die sunnitische Regierung unterstützt, und im Irak, wo vom Iran gesponserte Schiitenmilizen den IS konfrontieren.

Die sunnitisch-schiitische Spaltung der islamischen Welt kann – zumindest in absehbarer Zeit – nicht überwunden werden. Sie hat sich aber durch die dramatischen und historischen Entwicklungen in der Region verschärft. Diese Veränderungen sind politisch, denn von den einstigen Kolonialmächten gezogene Grenzen werden neu gezogen, demographisch, denn ganze Bevölkerungsgruppen werden in die Flucht getrieben, während Stammesstrukturen wiederaufleben, und geostrategisch, denn die Vereinigten Staaten beginnen ihren Einfluss in Nahost abzubauen, Russland mischt sich zunehmend ein und nichtstaatliche Akteure wie v.a. der IS legen an Masse und Aktivität zu.

Einige dieser Entwicklungen rühren aus den sunnitisch-schiitischen Streitigkeiten her, die bis in die frühen Tage des Islam zurückgehen und in der gesamten islamischen Geschichte die Beziehungen zwischen den beiden Konfessionen geprägt haben. Angesichts der ideologisch-religiösen nationalen Ziele des Iran und der arabischen Schwäche dürften diese Kämpfe in den kommenden Jahren zunehmen. Zwischenzeitlich versuchen der Teheran und Riad das Gefühl eines "business as usual" zu erwecken – so deutete der iranische Außenminister während der Atomgespräche an, er werde Saudi Arabien besuchen). Doch unter der Oberfläche werden die historischen Differenzen durch die jüngsten Ereignisse im Nahen Osten nur verschärft, wodurch der massive religiöse Gegensatz zwischen Saudi Arabien und dem Iran deutlich wird, der unvermeidlich im militärischen Konflikt münden wird. Auch wenn dieser gerade auf Nebenkriegsschauplätzen geführt wird, ist eine direkte Konfrontation in der Zukunft absehbar.

Eine Geschichte voller Gewalt

Zum Beginn des 19. Jahrhunderts sandte Muhammad Abd al-Wahhab vom Wüstensitz Nejd Boten aus, die die islamisch-fundamentalistisch Botschaft des Wahhabismus verbreiten sollten. Dies war Teil einer umfassenderen Reformbewegung in der islamischen Welt, die den Niedergang des Islam angesichts der erstarkenden westlichen Mächte aufhalten und umkehren sollte.

Der Wahhabismus forderte eine Rückkehr zu den Wurzeln des Islam und lehnte die von den Schiiten praktizierte Verehrung von Heiligen oder anderen Mittelsfiguren zwischen Gott und Gläubigen ab. 1802 entweihten seine Anhänger das Grabmal Imam Husseins in Kerbala, Nachkomme des Propheten und den Märtyrertod gestorbener Heiliger der Schiiten. Für die Schiiten stellt Husseins Tod in der Schlacht von Kerbala im Jahr 680 den paradigmatischen Opfertod dar, dem auf allen Schlachtfeldern der Gegenwart nachzueifern sei.

Mit der wahhabitischen Eroberung der arabischen Halbinsel wurden die regionalen Schiiten Ziel von Gewalt und Spott. 1913 fiel die Ikhwan (Bruderschaft), eine Armee geführt vom wahhabitischen Kommandeur und späterem ersten König Saudi Arabiens Abd al-Aziz Ibn Saud in die schiitischen Gebiete der al-Ahsa-Provinz ein und versuchte den Wahhabismus aufzuoktroyieren. 1925 marschierten die Truppen Ibn Sauds in Medina ein und zerstörten die Grabmäler, in denen die Tochter Mohammed und der zweite, vierte, fünfte und sechste schiitische Imam beerdigt wurden. Schiiten gedenken dieses Ereignisses während der Pilgerfahrt und versuchen z.T., in die Grabstätten zu gelangen und dabei der berüchtigten saudischen Moralpolizei Mutaween zu entgehen.

Nach der Eroberung von al-Ahsa rief die Ikwhan zum Dschihad gegen die Schiiten auf und forderte von Ibn Saud, die Einwohner zu bekehren oder zu töten. Ibn Saud zögerte allerdings, so dass die Ikhwan 1926 eine große Zahl Schiiten ermordete. Mit der Errichtung des saudischen Königshauses 1932 wurden die Schiiten an den Rand der Gesellschaft gedrängt und hatten nahezu keine bedeutsame öffentliche Position mehr inne. Die schiitische Bevölkerung konzentriert sich dabei im östlichen, ölreichen Gouvernement al-Ahsa nahe der irakischen Grenze. Die Saudis fürchten sich daher vor den iranischen Versuchen, die Bevölkerung aufzuwiegeln, die Ölindustrie zu schädigen und schließlich die Regierung zu stürzen. Diese Furcht ist zuletzt aufgrund der iranischen Aktivitäten im Jemen und der Unterstützung der Houthi-Rebellen gestiegen, die, wie erwähnt, bereits mit Raketen saudisches Territorium angegriffen und es auf die Aramco-Ölanlagen in der Gegend von Jizan abgesehen haben. (6)

Unvermeidliche Kollision

In der nahen wie fernen Zukunft wird sich der Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten deutlich in den saudisch-iranischen Beziehungen im Besonderen und der arabischen Welt und Teheran im Allgemeinen widerspiegeln. Dies wird sich – zusätzlich verschärft durch Momente wie die Hinrichtung al-Nimrs – auf verschiedenste Brennpunkte im Nahen Ostens auswirken. Der Iran wird versuchen, seinen Einfluss in Syrien und im Libanon  mit Hilfe der Hisbollah auszudehnen, so wie im Irak, im Jemen, Bahrain und überall in der arabischen Welt, wo sich entweder ein schiitischer Bevölkerungsanteil finden lässt oder eine islamische Bevölkerung, die für iranische Unterstützung offen ist.

Unmittelbar dürfte der Iran versuchen mit Hilfe seiner Verbündeten saudische Ziele im In- und Ausland anzugreifen – z.B. saudische Diplomaten oder Soldaten im Jemen. Die Verschärfung des Konflikts durch die Hinrichtung dürfte auch eine diplomatische Lösung der Bürgerkriege in Syrien und im Jemen erschweren, da in beiden Fällen beide Länder als Akteure hinter den verfeindeten Gruppen agieren, eventuell könnten sich die Kämpfe sogar verschlimmern.

Saudi Arabien wiederum findet sich mit seinem Rücken an der Wand, nachdem die Vereinigten Staaten es mehrfach haben auflaufen lassen. Das Königreich dürfte versuchen, sein Gegengewicht im Syrien und im Libanon mit Hilfe von Geld und anderer Unterstützung zu wahren. Gleichzeitig wird es den Iran im Irak und im Jemen bekämpfen und einen arabischen Block schmieden, um dem Atomprogramm Teheran etwas entgegenzusetzen.

Seit der Krönung Salmans hat Saudi Arabien die eher passive Außenpolitik der Vergangenheit aufgegeben und eine weit nachdrücklicher Haltung gegenüber Feinde im Inneren (z.B. gegen inländischen Terrorismus und subversive Aktivitäten) und Äußeren (Jemen, Irak) eingenommen. Der saudische König verfügt über eine Reihe von Möglichkeiten, die iranische Wirtschaft zu schwächen, die dringend auf Entlastung angewiesen ist nach der Aufhebung der Sanktionen dank des Atomabkommens. Die Saudis könnten durch eine gesteigerte Ölforderung versuchen, die Ölpreise in den Keller zu drücken.

Der Iran wird also den Vorteil des Atomprogramms, seiner inneren Stabilität und geostrategischen Macht, die durch die Anerkennung des Westens gestiegen ist, nutzen müssen, gegen die Saudis und die sunnitische Welt einsetzen – mit anderen Worten, er wird die Bombe anstreben. Nur auf diese Weise wäre aus iranischer Perspektive die historische Ungerechtigkeit, die am Anfang des Islam stand und zur Missachtung und Misshandlung der Schiiten durch die Sunniten führte, auszugleichen. Auf diese Weise entstünde auch eine schiitische Alternative im Kampf gegen den Westen und seine "Kreatur" Israel, nach dem der arabische Nationalismus darin gescheitert ist. Sollte der Iran sein Atomprogramm vollenden und die Bombe in seinen Besitz gelangen, dann würden die Saudis und andere arabischen Staaten vor der Wahl stehen, sich entweder unter einen nuklearen Schutzschirm der Amerikaner zu stellen (an deren Verbindlichkeit sie zweifeln), dem Pakistans (der " ersten sunnitischen Atombombe") oder aber ihr eigenes Atombombenprogramm zu starten, was nichts geringeres bedeuten würde als ein nukleares Wettrüsten im Nahen Osten.

Der Iran und Saudi Arabien befinden sich bereits in einem Kalten Krieg um den Einfluss im Nahen Osten und darüber hinaus. Der Kampf zwischen den beiden islamischen Konfessionen wird sich fortsetzen und im Kontext der regionalen und internationalen Entwicklungen entfalten. Noch mehr als die Anreicherung von Uran fürchten die Saudis die um sich greifende iranische Subversion weiter Teile des Nahen Ostens und der islamischen Welt. Beide Mächte bereiten sich auf jenen Tag vor, an dem der Kalte Krieg zu einem heißen werden wird. Einem brandheißen.


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1 https://www.youtube.com/watch?v=TnOGeNSKyWk

2 http://en.farsnews.com/newstext.aspx?nn=13941013000244

3 https://twitter.com/khamenei_ir/status/683548939363184640

4 https://twitter.com/khamenei_ir/status/683310590962569216

5 https://twitter.com/khamenei_ir/status/647103833890496512

6 http://www.reuters.com/article/us-yemen-security-saudi-aramco-idUSKBN0U50HX20151222