Verfügt Ägypten über ein geheimes Atomprogramm?

Verfügt Ägypten über ein geheimes Atomprogramm?
 
Zvi Mazel
 
 
Die internationale Debatte über das iranische Atomprogramm und den Beginn eines regionalen Wettlaufs in der Atomenergiefrage im Nahen Osten hat sich jüngst verschärft, als die Nachricht durchsickerte, dass Ägypten vermutlich über ein geheimes Atomprogramm verfügt. Amerikanischen Berichten zufolge, die sich auf Quellen innerhalb der Atomenergiekontrollbehörde (IAEA) berufen, wurden Uranpartikel jenseits des für zivile Zwecke angereicherten Maßes in Ägypten entdeckt. Der Sprecher des ägyptischen Außenministeriums wies diese Anschuldigungen vehement zurück und erklärte, sie würden sich auf die Ergebnisse eines alten IAEA-Berichts von 2007 beziehen, für die Ägypten der IAEA bereits akzeptable Erklärungen geliefert habe. Den Ägyptern zufolge stammen diese Partikel von Frachtdiensten, die radioaktives Material zu Untersuchungszwecke transportierten. Die amerikanischen Quellen berichteten jedoch, dass die Partikel zweimal – 2007 und 2008 – entdeckt wurden und auf ein Niveau angereichert wurden, das einer militärischen Nutzung entspräche. Zudem sollte beachtet werden, dass, nach online verfügbaren, nicht klassifizierten Dokumenten, die IAEA bereits 2004 offenbart habe, dass Ägypten Experimente mit angereichertem Uran ohne die dafür notwendigen Absprachen durchführen würde.
 
Die schnelle und entschiedene Antwort des Sprechers des Außenministeriums schützt die ägyptische Regierung davor, in schwere Verlegenheit zu geraten. Ägypten ist seit 1969 Unterzeichnerstaat des Atomwaffensperrvertrags und wird als Fürsprecher nuklearer Demilitarisierung des Nahen Ostens – eine persönliche Initiative Präsident Hosni Mubaraks – anerkannt.
 
Die verdächtigen Partikel fanden sich in zwei ägyptischen Reaktoren in Inschas, einer Stadt 150 Kilometer nordöstlich von Kairo. Der erste Reaktor wurde dort 1961 von der Sowjetunion gebaut und später mit indischer Hilfe verbessert. Der zweite wurde 1998 mit argentinischer Unterstützung errichtet. Beide dienen Forschungs- und Entwicklungszwecken u.a. in Wissenschaft, Medizin und Landwirtschaft. Zudem gibt es zwei kleinere nukleare Einrichtungen in Inschas – eine für die Produktion nuklearen Brennstoffes für den argentinischen Reaktor und eine weitere als Forschungslabor für Experimente in der Plutoniumproduktion.
 
Ägypten verfügt also über die minimale wissenschaftliche und personelle Infrastruktur in der Atomforschung, die ihm bei der Entwicklung eines fortschrittlicheren Programms helfen würden, wie es Mubarak vor zwei Jahren angekündigt hat und nachdem Ägypten ein friedliches Atomprogramm plane, v.a. beim Bau von vier Energiereaktoren. In den letzten zwei Jahren haben die Ägypter Anstrengungen unternommen, die nötige rechtliche, bürokratische und sicherheitstechnische Infrastruktur für den Bau der Reaktoren zu schaffen. Das ägyptische Komitee für Atomenergie wurde umstrukturiert und eine Ausschreibung zur Ortsbestimmung für die Reaktoren erfolgte. Gleichzeitig verstärkte Ägypten seine Kooperation mit der IAEA, um die Rechtmäßigkeit zu signalisieren und die nötige technische Hilfe zu erhalten.
 
Interessanterweise erklärte der ägyptische Energieminister Hassan Younes eine Woche, nachdem die Entdeckung der verdächtigen Partikel an die Öffentlichkeit gelangt war, dass die ägyptische Regierung einen Gesetzentwurf beschlossen habe, die Reaktoren zu bauen. Dieser Entwurf beruht auf der Erfahrung anderer Länder beim Bau und der entsprechenden internationalen Gesetzgebung und wird bald im ägyptischen Parlament diskutiert sowie der IAEA zur Genehmigung vorgelegt werden.  Man kann davon ausgehen, dass der Zeitpunkt von Younes‘ Erklärung dem Zweck diente zu signalisieren, dass Ägypten transparent an einem Atomprogramm unter beständigem Kontakt zur IAEA arbeite. Trotzdem bleibt die Möglichkeit vorhanden, dass ägyptische Wissenschaftler an einem begrenzten Forschungsprogramm zur Urananreicherung arbeiten, das über die zivilen Anwendungen hinausgeht, um eine provisorische Infrastruktur vorzubereiten. Als regionale Macht kann Ägypten die nuklearen Fähigkeiten Israels nicht ignorieren, ganz sicher aber auch nicht die Möglichkeit, dass der Iran in den kommenden Jahren über ein Atomarsenal verfügen wird.  Der Wettlauf um die Entwicklung atomarer Energien im Nahen Osten hat – trotz aller von ihm ausgehenden Gefahren – bereits begonnen und es ist zweifelhaft, ob er noch aufgehalten werden kann.