Israel und die Hisbollah – Am Rand milit├Ąrischer Konfrontation?

Israel und die Hisbollah – Am Rand militärischer Konfrontation?

Col. (ret.) Dr. Jacques Neriah

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Seit 26 Jahren toleriert Israel nun schon Hassan Nasrallah, den Generalsekretär der Hisbollah – einer Terrororganisation, die 1982 im Libanon gegründet wurde. Nach wie vor gilt der Mann vielen Beobachtern in Israel als Rätsel. Nasrallah ist ein Schiitenführer, der die historisch verfolgte schiitische Gemeinde des Libanon zur Macht aufgebaut hat, die die politische und militärische Agenda des Lands der Zedern diktiert.

Seine Fürsprecher sehen in ihm einen Mann des Wortes, der sich an seine politischen Absichtserklärungen hält, "einen seltenen arabischen Politiker", der bewiesen habe, dass er meine, was er sage, und der Israel gründlich verstehe.

Die Wahrheit sieht allerdings anders aus. Nasrallah, der sich und seine Terrororganisation zur "Widerstandsbewegung" des Libanon erklärt hat, ist es gelungen, mit der Hisbollah den libanesischen Nationalstaat zu durchdringen und zu okkupieren, da dieser inhärent geschwächt und vom konfessionellen Streit paralysiert ist. Er nutzte den israelischen Abzug aus dem Libanon von 2000 sowie den Zweiten Libanonkrieg von 2006 aus, um die Hisbollah zur alternativen Verteidigungsstreitmacht zur libanesischen Armee zu machen, deren Rolle auf Militärparaden und innenpolitische Verpflichtungen geschrumpft wurde.

Werkzeug des Iran

Die Hisbollah verfügt im Libanon aufgrund ihrer "Erfolge" gegenüber Israel über Prestige. Doch der Umstand, dass sie auf Geheiß des Iran in den syrischen Bürgerkrieg geschickt wurde, um anstelle Israels einen sunnitisch geführten Aufstand gegen das Bashar-Assad-Regime – Teherans Verbündeten und Vassallen – zu konfrontieren, weckte im Land den Zorn ihrer politischen Gegner. Während der sechs Jahre im Krieg verlor die Hisbollah nicht nur 2,000 Kämpfer und unzählige Versehrte, sondern beschädigte nachhaltig ihr Ansehen als "Widerstandsbewegung" gegen Israel.

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Hisbollah-Begräbnisse nach dem Kampf um Zabdani 2015

Angesicht dieses schmerzhaften Preises für ihre militärische Beteiligung konzentriert sich die Hisbollah nun nach Abzug eines Großteils ihrer Kampfgruppen aus Syrien auf den Wiederaufbau ihrer Einheiten. Die ökonomische Krise des Libanon sowie die von den Vereinigten Staaten gegen Iran und die Hisbollah verhängten Sanktionen haben zu massiven Kürzungen der iranischen Finanzhilfen und ein Wiedererstarken der Hisbollah-Gegner – unter maronitischen Christen und sunnitischen Muslimen – geführt, die sich gegen die Interventionen und Blockaden der Hisbollah im politischen Raum des Libanon richtet .

Die Kämpfe in Syrien haben nachgelassen. Die Hisbollah ist jedoch immer noch in die Kämpfe um Idlib im nordwestlichen Syrien verstrickt. Als iranischer Vasall hat die Hisbollah auch Truppen und Berater nach Damaskus, Deir el-Zor, in den Jemen und den Irak entsandt. Im Hinblick auf Israel ist es ihr gelungen, die Golanhöhen bis zu den israelischen Linien zu infiltrieren. Arabischen Quellen zufolge war sie sogar erfolgreich darin, nachrichtendienstliche Einheiten an der Grenze zu Israel, in manchen Fällen weniger als 200 Meter von den UNDOF-Friedenstruppen auf dem Golan zu positionieren. Dort, wo sich Hisbollah-Truppen finden, sind Mitglieder der Iranischen Revolutionsgarden nie weit. Der Kommandeur der IRGC-al-Quds-Truppen Qassem Soleimani besichtigte Damaskus und im Anschluss Nasrallah

Seit August 2006 ist Israel der Linie gefolgt, die Hisbollah im Libanon nicht mehr anzugreifen, und hat sich stattdessen auf Sammlung von nachrichtendienstlichem Material konzentriert, so z.B. im Hinblick auf die massiven iranischen Aufrüstungsmaßnahmen für das Arsenal der Schiitenmiliz. Hunderte von Angriffen den israelischen Luftstreitkräften wurden mit großem Erfolg und ohne viel Publicity in Syrien geflogen. Unbestätigten Quellen aus dem Iran zufolge haben die Angriffe zu Land, zur Luft und zur See auf Raketen- und Nachschublager sowie iranische Konvoys die Hisbollah-Kräfte geschädigt. Die israelischen Angriffe zielten auf die Prozessabläufe zur Präzisierung der Raketen, konnten aber die Aufstockung auf ein Arsenal von mehr als 120,000 Raketen verschiedener Typen nicht verhindern.

Bemerkenswerterweise reagierte die Hisbollah bislang nicht mit Vergeltung auf diese Angriffe gegen syrische Ziele, da deutlich war, dass Israel hier die Bedingungen diktierte. Selbst eindeutig auf Israel zurückzuführende Angriffe gegen Hisbollah-Kommandeure wurden von Seiten der Miliz nur begrenzt beantwortet.

Über die Jahre hatte sich folgende Gleichung eingestellt: Israel greift die Hisbollah außerhalb des Libanon an und nutzt den libanesischen Flugraum für eigene Zwecke. Dafür bleibt die Hisbollah im Libanon quasi vor Angriffen geschützt und darf sich frei bewegen. Dies führte allerdings dazu, dass die Hisbollah die israelische Politik ihr gegenüber als Zeichen der Schwäche und mangelnden Entschlossenheit zu interpretieren begann. De facto hatten sich beide Seiten auf eine Reihe ungeschriebener Vereinbarungen verständigt, die den israelischen Aktivitäten und Beschränkungen zu Grunde lagen. So wurde das Hauptquartier "Dahiyeh" der Hisbollah in Südbeirut als "Allerheiligstes" der Schiitenorganisation betrachtet und damit als "off-limits" für die IDF.

Immun und straffrei

Im Rahmen dieser Gleichung fühlte sich die Terrororganisation von Tag zu Tag ermutigt. Ihre Führer und Sprecher begannen laut über Pläne der Invasion und Besetzung von Teilen Nordisraels zu reden. Angriffstunnel nach Israel wurden gegraben, um ins Herz der nordisraelischen Städte und Gemeinden vorzustoßen, während Labyrinthe und ausgefeilte Bunkeranlagen im Süden Libanons nahe der israelischen Grenze angelegt wurden – einem Gebiet, das der Schiitenorganisation durch UN-Sicherheitsratsresolution 1701 (August 2006) untersagt ist.


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Hisbollah-Tunnel im Südlibanon direkt vor den Augen der UNIFIL (IDF Sprecher)


Zuletzt hat sich zudem die Haltung Hassan Nasrallahs radikal verschärft, nachdem die israelischen Angriffe auf syrischem Gebiet intensiviert und wertvolle Ziele zerstört wurden. Seine Rhetorik änderte sich drastisch und er verkündete eine neue Formel, der zufolge sich eine neue Achse antiisraelischer Kräfte in Frontstellung gebracht hätte. Jede Attacke auf Syrien, Gaza oder den Libanon würde automatisch eine Reaktion der Hisbollah auf israelische Ziele nach sich ziehen.

Nasrallahs Rhetorik ignorierend hat Israel bislang die Ereignisse weiterhin diktiert und gleichzeitig erklärt, es wäre sein Ziel, eine Konsolidierung des Iran und seiner Vasallen in Syrien und nahe der israelischen Grenze auf dem Golan zu verhindern. Dabei wurden die gemeinsamen Anstrengungen von Iran und Hisbollah, das Arsenal der Schiitenmiliz auf Präzisionswaffen aufzurüsten, als Angriffsziel priorisiert. Seit September 2018 hat Israel immer wieder auf internationaler Ebene (einschließlich der UN-Vollversammlung) darauf hingewiesen und die libanesische Regierung davor gewarnt, dass sie einen hohen Preis zu zahlen habe, würde man diese Bedrohung Israels weiter ignorieren.

Am 30. August 2019 behauptete Nasrallah, dass Israel einen nächtlichen Drohnenangriff auf das Dahiyeh-Viertel geflogen hätte und dabei nicht näher spezifizierte Ziele angegriffen hätten. Laut The Times handelte es sich dabei, um eine fortschrittliche Mischmaschine zur Produktion von Festtreibstoff für Raketen. Nasrallah verkündete, man werde sich rächen. Von jetzt an würden nach seinem Ermessen Drohnen und andere Fluggeräte im libanesischen Luftraum abgeschossen.

Durch fehlgeschlagene Angriffe mit Panzerabwehrraketen auf israelische Militärfahrzeuge in der Gegend von Avivim (an Israels Nordgrenze zum Libanon) unterstrich der Hisbollah-Führer seine Bereitschaft, neue Gefechtsregeln für den Umgang mit Israel zu etablieren, um dem Land so zu untersagen, den libanesischen Luftraum zu befliegen oder irgendwie sonst im Libanon zu agieren. Nasrallah warnte, dass die Vergeltungsschläge der Hisbollah sich nicht mehr länger auf das zwischen Israel und Syrien umstrittene Gebiet der Sheb’aa Farmen beschränken würden, sondern das ganze Grenzgebiet zwischen dem Libanon und Israel sowie das israelische Inland umfassen würden.

Auf diese Weise hat Nasrallah den Fehde-Handschuh ins israelische Feld geworfen, nur um feststellen zu müssen, dass Israel dem Absender immer wieder klarmacht, dass Präzisionsraketen im Arsenal der Hisbollah nicht geduldet werden. Angesichts der politischen Reaktionen im Libanon gegenüber der Hisbollah und Nasrallah (sowie dem Iran) und ihrer Absicht, den Libanon ein weiteres Mal in einen überflüssigen und kostspieligen Krieg zu verwickeln, der das Land erneut zerstören würde, sowie angesichts des Spottes in der arabischen Presse über die gescheiterte Aktion in Avivim, scheint es wahrscheinlich, dass die Hisbollah zurückzuckt. Sowohl Israel als auch die Hisbollah sind gegenwärtig eher daran interessiert, den Status Quo zu bewahren. Die Gefahr besteht jedoch, dass irgendein Scharmützel sich schnell in eine genuine militärische Konfrontation verwandelt, denn Israel wird nach wie vor alles daransetzen, die existenzielle Bedrohung durch Präzisionsraketen von vornherein auszuschalten.