Die saudische Intervention in Yemen

Die saudische Intervention in Yemen

Dr. Jacques Neriah

Es fällt schwer zu glauben, dass die saudische Intervention im Jemen die amerikanischen Geheimdienste überrascht haben soll.


Eine derart entscheidende Aktion, die unter dem Code-Namen "Operation Sturm der Entschlossenheit" (Arabisch: Asifat al-Hazm) läuft, verlangte die Koordination mit neun weiteren arabischen Partnern, Kontakten nach Pakistan sowie den Einsatz der arabischen Luftwaffen von Saudi Arabien aus. Selbst der unaufmerksamste Geheimdienstmitarbeiter jener amerikanischen Behörden, für die die Überwachung der Region zu den obersten Prioritäten gehört, könnte dies nicht übersehen haben. Zudem beschloss die US-Regierung ca. eine Woche vor der ersten Angriffswelle der Saudis nicht nur den Abzug ihrer Diplomaten aus Aden, sondern auch den einer kleinen Einheit amerikanischer Spezialkräfte von der Luftwaffenbasis Al-Anad in der Nähe der Stadt.

Verschiedene Quellen zufolge, die über den Entscheidungsprozess, der der militärischen Intervention vorausging, vorliegen, begannen traditionelle Verbündete der Vereinigten Staaten wie die Türkei oder Ägypten über eine militärische Koalition zu diskutieren, nachdem der türkische Präsident Erdogan auf einem Besuch in Saudi Arabien seine Unterstützung zugesichert hatte. Überraschend kam daher nicht, dass die Türkei logistische Hilfe bot, den Iran verbal attackierte und aufforderte, er und die militanten Gruppen mögen sich aus dem Jemen zurückziehen.

Am 4. März drängte Berichten der Financial Times zufolge der saudische König Salman den pakistanischen Premier Nawaz Sharif dazu, die Zahl der Truppen im Königreich zu erhöhen. (1)

Spätestens an dem Wochenende, das dem saudischen Angriff vorausging, wurde die Koalition auf einem Treffen in Riad besiegelt.

Als Hauptakteure der Operation führten die Saudis bis kurz vor dem Beginn der Luftschläge keine detaillierten Verhandlungen mit der Obama-Admininistration auf höchster Ebene, um deren Unterstützung zu erreichen. Die Diskussionen drehten sich um verschiedene Optionen ohne spezifisch zu werden.

Beinahe kaum zu glauben ist, dass die USA – wie General Lloyd Austin, Befehlshaber des Zentralkommandos der Vereinigten Staaten vor dem Senatskomitee für Streitkräfte zu Protokoll gab – erst eine Stunde vor dem Beginn der Operation darüber informiert wurden, dass die Saudis den Jemen angreifen würden. Mit anderen Worten: die Vereinigten Staaten wurden überrascht. Der Täuschungsplan Saudi Arabiens hatte funktioniert. (2)

Die Schlussfolgerung liegt auf der Hand: Die Saudis trauen der US-Regierung nicht mehr über den Weg und vermuteten, dass die Obama-Administration im Rahmen ihrer Iran-Pläne die saudische Koalition im Vorgehen gegen die iranisch unterstützten Huthis gestoppt hätte. Saudi Arabien hat zu jeder Gelegenheit zum Ausdruck gebracht, dass sie einen nuklear bewaffneten Iran nicht hinnehmen wollen und – wie auch führende israelische Politiker – das von Obama anvisierte Abkommen mit dem Iran für ein schlechtes halten.

Die Saudis sind verärgert darüber, dass die Obama-Administration den Iran umwirbt – das gleiche Land, dass ihre Feinde im Libanon, in Syrien, Bahrain, Jemen und Irak unterstützt und nunmehr bereits vier arabische Hauptstädte (Beirut, Damaskus, Baghdad und Sana’a) kontrolliert. Saudi Arabien hat entschieden, dass es an der Zeit sei, eine klare Linie zwischen den beiden Lagern zu ziehen, die um die Hegemonie in Nahost ringen (die Iran-geführte Achse gegen das moderate arabische Lager, geführt von Ägypten und Saudi Arabien), und von den Vereinigten Staaten zu verlangen, dass sie Position beziehen.

Dies könnte erklären, wieso die Saudis mit den Amerikanern verschiedene Optionen hinsichtlich des Jemen diskutierten, Details ihrer militärischen Pläne aber verschwiegen. Deutlich wurde, dass Saudi Arabien davon ausging, dass die Vereinigten Staaten ein solches Vorgehen nicht gutheißen würden, nachdem sie ihre Vorbehalte gegen eine Intervention geäußert hatten.

Dies erklärt auch die recht niedrigschwellige logistische und nachrichtendienstliche Unterstützung der Operation durch die Amerikaner. Wie in der "aus dem Hintergrund führen"-Strategie des Libyen-Krieges von 2011 haben sich die Vereinigten Staaten entschlossen "unter dem Radar" zu bleiben, um eine öffentliche Assoziation mit der Operation zu vermeiden, durch die sie vor vollendete Tatsachen gestellt wurde. In ihrer Überraschung reagierte die US-Regierung nicht sofort. Es dauerte zwei Tage bis Obama den saudischen König anrief, um ihm halbherzig amerikanische Unterstützung zuzusichern.

Doch die saudische Koalition besitzt noch eine weitere Dimension: Zum ersten Mal seit 1948 haben es die arabischen Staaten geschafft, eine militärische Koalition zu bilden, die sich gegen einen anderen arabischen Staat richtet und nichts mit dem arabisch-israelischen Konflikt zu tun hat. Zwar schlossen sich die Araber auch der Militärkoalition des Ersten Golfkrieges an, doch diese Koalition wurde von den Vereinigten Staaten angeführt und beruhte v.a. auf amerikanischen und internationalen Truppen gegen Saddam Hussein, während den arabischen Staaten eher die Rolle eines Feigenblattes zukam.

Doch gegenwärtig sind die gemäßigten arabischen Staaten zu der Schlussfolgerung gekommen, dass es für das Überleben ihrer eigenen Regime wichtig ist zu kämpfen, und dass sunnitischer Dschihadismus und die extremistische Ideologie des salafistischen Islam die Hauptfaktoren in der regionalen Instabilität stellen, durch welche den von Iran geführten schiitischen Truppen fruchtbarer Boden bereitet wird.

Die islamistischen Gruppen, die verschiedene Regime als Terrorgruppen einstufen, sind zum Hauptziel dieser gemäßigten Staaten geworden. Dahinter verbirgt sich das Kernkonzept des pan-arabischen Militärbündnisses, das als Interventionstruppe gebildet werden soll, um angegriffene geratene arabische Regime zu unterstützen. Die Ägypter verweisen bereits auf Libyen als nächstes Ziel für eine arabische Militärintervention, während sich der Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas eine für den Gaza-Streifen wünscht – diese würde sich dann gegen die Hamas richten.

 

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1 Financial Times, 4. März 2015, Saudis to press Pakistan for more troops,  http://www.ft.com/intl/cms/s/0/5d00fbfe-c16e-11e4-8b74-00144feab7de.html?siteedition=intl#axzz3VxB4ds9a

2 Bloomberg View, 27. März 2015, Eli Lake & Josh Rogin, How Saudis took the lead in Yemen, http://www.bloombergview.com/articles/2015-03-27/how-saudis-took-the-lead-in-yemen