Kein Thema in Genf: Atomsprengköpfe und Raketen

Kein Thema in Genf: Atomsprengköpfe und Raketen

 Dore Gold

 

Die Diskussion über den am 24. November in Genf zwischen dem Iran und den P5+1-Staaten geschlossenen „Gemeinsamen  Aktionsplan“ hat sich in erster Linie auf die Frage konzentriert, ob die westliche Diplomatie in der Lage gewesen sei, Teherans Fähigkeiten zur Urananreicherung und Plutoniumproduktion nachhaltig einzuschränken.

Doch eine der offensichtlichsten Leerstellen der ganzen Genfer Anstrengungen ist die, dass sich kaum mit der Bedrohung auseinandergesetzt wurde, die aus den Waffenbauprogrammen des Iran entstehen – wie z.B. in Form der Shahab-3-Raketen, welche Israel oder Saudi Arabien von iranischem Territorium aus erreichen können.

Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass ein Atomprogramm sich aus drei wesentlichen Komponenten zusammensetzt: 1. waffenfähiges Uran und Plutonium, die für die atomare Sprengladung nötig sind 2. „Atomare Waffensysteme:“ d.h. die Umwandlung in einen nuklearen Sprengkopf und 3. ein Trägersystem, z.B. eine ballistische Rakete, die den atomaren Sprengkopf ins Ziel bringt. In Genf setzte man sich nur mit dem ersten Punkt auseinander.

Die Anstrengungen des Iran um diese Waffensysteme waren in der Vergangenheit kein Geheimnis und tauchen regelmäßig in den Berichten der Internationalen Atomenergiekontrollbehörde (IAEA) auf. So warf sie im Mai 2011 Fragen auf über die Aktivitäten auf militärischer Ebene agierender Organisationen. Dabei ging es im Besonderen um Entwürfe für ein „Wiedereintrittsvehikel für Raketen“, bei dem die Iraner die hochexplosiven konventionellen Sprengladungen im Sprengkopf von Shahab-3-Raketen durch kugelförmige Atomsprengladungen zu ersetzen suchten.

Für die IAEA war damals wichtig, die Glaubwürdigkeit dieser hochgeheimen Informationen zu unterstreichen, so dass sie ihrem Bericht das bedeutsame Detail hinzufügten, dass die Geheimdienstinformationen „von vielen verschiedenen Mitgliedsstaaten“ geliefert worden seien. Im November 2011 wiederholte der IAEA-Bericht diese Verdachtsmomente und fügte hinzu, dass Informationen darüber vorlägen, dass im Iran Aktivitäten verzeichnet worden seien, die für die Entwicklung von Atombomben relevant wären. Diese „umfassenden Informationen“ wurden als „glaubwürdig“ eingestuft.

Viele Details über das Programm zur Entwicklung von Waffensystemen wurden im Sonderanhang des Berichts erfasst. Schließlich unterstrich die IAEA im November 2013, dass sie in den seit der Abfassung des Berichts vergangenen zwei Jahren noch mehr Material erworben hätte, welches die Analyse des Anhangs „weiter bekräftigt.“

Angesichts dieser Daten hat die IAEA vom Iran Aufklärung über seine Aktivitäten bei der Entwicklung von Waffensystemen gefordert. Diese Informationen wären entscheidend, denn wie könnte die IAEA sonst verifizieren, dass das Atomprogramm des Iran tatsächlich friedlich wäre, wie der Iran unablässig behauptet.

Doch der Iran tat die Sorgen der IAEA einfach ab und verweigerte ihren Inspektoren den Zugang zu den wesentlichen Anlagen in Parchin, die im Verdacht stehen, der Entwicklung von Waffensystemen zu dienen. Zuletzt war der IAEA am 12. Januar 2005 ein teilweiser Zugang gewährt worden, seitdem jedoch nicht wieder.

Die Entwicklung von Sprengköpfen und der Text von Genf

Angesichts des umfassenden Materials, welches der Westen zusammengetragen hat, wäre zu erwarten gewesen, dass die P5+1 in

Genf die vollständigen Offenlegung des iranischen Waffenprogramms im „Gemeinsamen Handlungsplan“ zu einer der wesentlichen Bedingungen für eine Entschärfung des Sanktionsregimes gemacht hätten.

Doch der Plan erwähnt die Entwicklung von Waffensystemen oder die Anlagen in Parchin nicht mit einer Silbe. Er fordert lediglich die Einrichtung einer gemeinsamen Kommission, die mit der IAEA zusammenarbeiten solle, „um das Zerstreuen vergangener und gegenwärtiger Fragen zu erleichtern.“

Unabhängig davon veröffentlichte das Weiße Haus eine eigene Version des Genfer Abkommens in Form eines „Fact Sheets“ zu den Verhandlungsergebnissen mit dem Iran. Im Unterschied zum „Handlungsplan“ heißt es darin ausdrücklich, dass der Iran hinsichtlich der „militärischen Dimension seines Atomprogramms“ Antworten liefern müsse.

In dem „Fact Sheet“ wird Parchin gesondert erwähnt:

„Die erzielten Verständigungen beinhalten ein Einverständnis des Iran, alle Resolutionen des UN-Sicherheitsrates zu erfüllen, die vom Iran lange Zeit als illegal bezeichnet wurden, sowie vergangene und gegenwärtige Fragen hinsichtlich seines Atomprogramms zu beantworten, die von der IAEA aufgeworfen wurden. Dazu gehört eine Klärung der Fragen zu einer möglichen militärischen Dimension des iranischen Atomprogramms, einschließlich der iranischen Aktivitäten in Parchin.“

Auch an anderer Stelle erwähnt das „Fact Sheet“ Parchin und zwar im Rahmen der Einrichtung einer neuen Überwachungsbehörde zum Zweck der Überprüfung der Einhaltung der mit den P5+1 erzielten Vereinbarungen:

„Zusätzlich werden die P5+1 eine gemeinsame Kommission bilden, die mit der IAEA zusammenarbeiten wird zur Kontrolle der Umsetzung  und sich mit eventuell auftretenden Problemen befassen wird. Diese gemeinsame Kommission wird mit der IAEA auch zur Lösung vergangener und gegenwärtiger Fragen hinsichtlich des iranischen Atomprogramms zusammenarbeiten, einschließlich einer möglichen militärischen Dimension des iranischen Atomprogramms und der Aktivitäten des Iran in der Militäranlage in Parchin.“

Dieses „Fact Sheet“ des Weißen Hauses wurde vom Iran allerdings nach seiner Veröffentlichung als „einseitige Interpretation“ des Gemeinsamen Handlungsplans bezeichnet, welchen Teheran als einzigen Text anerkennt. Wenn also die Entwicklung von Sprengköpfen im „Fact Sheet“ auftaucht, aber nicht im maßgeblicheren Handlungsplan, dann kann sie nicht wirklich Gegenstand der in Genf erreichten Verständigungen sein. Das heißt, dass in Genf keinerlei Entschlüsse gefasst wurden, die den Iran dazu zwingen, Parchin für Kontrollen zu öffnen oder systematische Inspektionen der Sprengkopfentwicklung zuzulassen. Mit anderen Worten, der Iran kann im Rahmen des Gemeinsamen Handlungsplans weiter an Sprengköpfen arbeiten ohne seine Verpflichtungen gegenüber den P5+1 zu verletzen.

Historische Verdachtsmomente

Die Nachricht vom iranischen Programm zur Herstellung eines Sprengkopfes drang vor mehr als einem Jahrzehnt nach außen. Die iranische Opposition lieferte Informationen, dass das Technische Forschungszentrum Lavizan-Shian im Nordosten des Iran einer der Orte wäre, wo der Iran am Sprengkopfdesign arbeite. Im September-Oktober 2003 erbat die IAEA Zugang in Lavizan.

Doch der Iran verschleierte, was in der Anlage vor sich ging und verzögerte die Zugangserlaubnis für die Inspektoren. In der Zwischenzeit riss Teheran sechs Gebäude auf dem Gelände ab. Ebenso wurde die oberste Bodenschicht bis auf mehrere Meter entfernt, um die IAEA daran zu hindern, inkriminierende Bodenproben zu nehmen. Im März 2004 schien die Anlage total demontiert worden zu sein.[1]

Anfang 2005 erbaten die IAEA Erlaubnis eine weitere, der Sprengkopf-Herstellung verdächtigte Anlage in Parchin zu untersuchen. Die IAEA wünschte dort vier Bereiche zu inspizieren, doch die Iraner gestatteten ihnen nur den Besuch von einer. Die Behörde sah folglich nur ganze fünf Gebäude in Parchin. Seitdem ist Parchin ein offene Frage und bis heute auf der Agenda der IAEA geblieben, die wieder und wieder Zugang zu den übrigen Bereichen erwünscht hat, was der Iran bislang ablehnte.

Das Thema Sprengkopfentwicklung blieb entsprechend eine zentrale Sorge der internationalen Gemeinschaft. Die Vereinigten Staaten veröffentlichten im November 2007 ihr National-Intelligence-Estimate-Dossier, indem sie zur Einschätzung gelangten, dass der Iran im Herbst 2003 durch die Verständigungen mit den EU-3 sein Atomprogramm kurzzeitig eingestellt hätte, wozu „Design von Atomwaffe und Sprengköpfen“ gezählt wurde. Da der Iran sein atomares Anreicherungsprogramm im Januar 2005 wieder aufnahm, besteht Grund zur Annahme, dass gleiches auch für die Waffenentwicklung gilt.

Zu einer neuen Entwicklung in dieser Frage kam es, als Olli Heinonen, damals stellvertretender Vorsitzender der IAEA, im Februar 2008 einen streng vertraulichen Vortrag vor Vertretern von über 100 Staaten hielt, die von der Behörde zugelassen wurden.  Einer Beschreibung des Treffens von David Sanger in der New York Times zufolge präsentierte Heinonen original iranische Dokumente, die verschiedene IAEA-Mitgliedsstaaten, und nicht nur die Vereinigten Staaten, eingereicht hatten.

Im Juni 2010 berichtete das deutsche Magazin Der Spiegel, dass das Material in einer gemeinsamen Operation von deutschen und amerikanischen Geheimdiensten beschafft worden war. Die IAEA hatte somit internationale Rückendeckung, um die amerikanischen Geheimdienstberichte für jene zu belegen, die daran zweifelten. Angesichts der noch präsenten Erinnerungen an die Schwächen westlicher Berichte über die irakischen Massenvernichtungsprogramme, bot die IAEA international glaubwürdige Verifikationen zu den gegenüber dem Iran geäußerten Verdächtigungen. Durch die Bestätigung der IAEA waren mehr Staaten bereit, sie zu akzeptieren.

Aus den iranischen Dokumenten, die Heinonen präsentierte, ging hervor, wie ein Sprengkopf für die Shahab-3-Raketen, die der Iran seit 2003 einsatzbereit hat, auszusehen hätte. Auch wenn die Dokumente nicht explizit auf einen atomaren Sprengkopf verwiesen, zeigten sie die Flugbahn der Rakete mit einer Detonation in der Höhe von 600 Metern.

Die IAEA-Experten wussten zu gut, dass eine konventionelle Explosion in dieser Höhe keinerlei Auswirkung auf den darunter liegenden Boden hätte. Doch für eine Atomexplosion über einer Stadt ist dies die ideale Höhe. Wie Sanger betonte, wurde in der Tat die Bombe über Hiroshima in dieser Höhe gezündet. Trotz dieses substanziellen Materials ging Heinonen nicht soweit, den Iran der Produktion von Atomwaffen zu beschuldigen, sondern hinterließ seinem Wiener Publikum ein mehr an zuvor nicht gestellten Fragen als Antworten.[2]

Die gesammelten Daten zum iranischen Waffenprogramm verstärkten die Bemühungen der IAEA um Zugang zu den verdächtigen Anlagen. So erneuerte sie im Februar 2012 die Versuche, Zugang zu Parchin erhalten. Doch die Iraner machten die Inspektion Parchins von einem umfassenderen Abkommen mit der IAEA über all die verdächtigten militärischen Dimensionen des Atomprogramms abhängig. Auf diese Weise gelang Teheran ein geschicktes Spiel auf Zeit, während der die Anlage von Spuren illegaler militärischer Aktivitäten gesäubert werden konnte.

Nur einen Monat nach der Bitte der IAEA um Zugang zu Parchin begannen die iranischen Vertuschungs- und Aufräumarbeiten, was auf Satellitenbildern des Institute for Science and International Security (ISIS) erkenntlich wurde. Dazu gehörte die Schleifung von zwei Gebäuden in Parchin, die Planierung des umliegenden Geländes und die Entfernung beträchtlicher Mengen Erdreich. Bei einem weiteren Gebäude wurde das Innere saniert, ohne dass das Äußere angetastet wurde. Alte Straßen wurden aufgerissen. Dies geschah vermutlich, um sicher zu stellen, dass zukünftige Bodenproben oder andere Formen von Stichproben in der Umwelt keine vergangene Präsenz radioaktiver Substanzen verraten. 2013 berichtete die IAEA weiter, dass der Iran wesentliche Stellen von Parchin mit Asphalt überzogen hätte.

Kurz gesagt haben die Iraner die Anlage von Parchin vollständig umgestaltet. ISIS, das aufgrund seiner Erkenntnisse politisch beratend tätig ist, schlägt daher vor, dass, sollte der Iran im Hinblick auf die westlichen Fragen zur Waffenentwicklung nicht kooperieren, die IAEA die Angelegenheit erneut dem UN-Sicherheitsrat vorlegen sollte, so dass dem Land neue Sanktionen auferlegt werden können. Doch obwohl Parchin seit geraumer Zeit der IAEA einen Grund zur Sorge liefert, ließen die P5+1 in Genf die Chance ungenutzt, den Iran zur Öffnung der Anlagen zur Inspektion zu zwingen. Stattdessen können geheime Waffenentwicklungsprogramme in Parchin oder anderen iranischen Anlagen ungehindert weitergehen, ohne dass der Gemeinsame Handlungsplan von Genf dadurch verletzt wird.[3]

Die ballistischen Trägersysteme des Iran

Der Gemeinsame Handlungsplan lässt die iranischen Trägersysteme ebenfalls außen vor. Natürlich könnte man fragen, wieso diese, z.B. in Form von ballistischen Raketen, in Genf hätten auf der Agenda stehen sollen. Doch dabei gilt es zu beachten, dass es einen wesentlichen Präzedenzfall für diese Art Forderung durch die P5+1 gibt. Am Ende des ersten Golfkrieges von 1991 verabschiedete der UN-Sicherheitsrat die Resolution 687, mit der die Kampfhandlungen durch einen offiziellen Waffenstillstand beendet wurden. Die Resolution forderte dabei die Zerstörung der irakischen Massenvernichtungswaffen: atomarer, chemischer und biologischer Natur.

Doch ebenso forderte Resolution 687 auch die Demontage aller irakischen Raketen, die die Reichweite von 150 Kilometern überschritten, sowie der Infrastruktur zu ihrer Erforschung, Entwicklung und Produktion. Grund für diese Forderung war, dass dem Irak zwar ballistische Raketen gestattet wären, die er im Falle eines Bodenangriffs als Artillerie einsetzen könnte, nicht jedoch weiterreichende Waffen wie jene, die Israel und Saudi Arabien während des Golfkrieges getroffen hatten, da deren primäre Verwendung  die Trägerfunktion von Massenvernichtungswaffen wäre.

Der Iran hat klar gemacht, was der Zweck seiner Raketen sein sollte. Während der vergangenen zehn Jahre wurden Shahab-3-Raketen immer wieder auf Militärparaden in Teheran vorgeführt und ihre Transportfahrzeuge mit Parolen ausgestattet. So hing 2004, ein Jahr nach dem die Rakete funktionstüchtig war, bereits ein sichtbares gelbes Plakat an der Seite des Schleppfahrzeugs der Waffe, auf dem stand, dass Israel „von der Landkarte gewischt“ werden müsse. Das Plakat war auf Farsi, doch die Iraner hatten unter diesem Satz eine englische Übersetzung angebracht. Während im Westen darüber debattiert wurde, ob diese Parole tatsächlich die Auslöschung Israels forderte, ließen die iranischen Streitkräfte mit ihrer Übersetzung selbst keinen Zweifel daran.

2011 wurde das Schild an die Frontseite des Schleppfahrzeugs geheftet, diesmal mit der Parole „Israel muss zerstört werden.“ Und 2013 nahm der neue iranische Präsident Hassan Rouhani die jährliche Militärparade in Teheran ab und hielt dort sogar eine Rede. Obwohl Rouhani von vielen westlichen Beobachtern als weit moderater eingeschätzt wird, wurden wieder Shahab-3 gezeigt und dieses Mal hieß es auf dem Plakat: „Israel muss aufhören zu existieren“. Die iranische Führung läßt also keinen Zweifel an dem Zweck dieser Raketen, da sie ihren wahren Absichten das dazu vorgesehene militärische Vernichtungsmittel zur Seite stellt.

Der ehemalige Chef des israelischen Militärgeheimdienstes Generalmajor a.D. Aharon Zeevi Farkash beteiligte sich 2007 an einer Diskussionsrunde im Jerusalem Center for Public Affairs zum NIE-Bericht und verwies darauf, dass Israel die iranischen Raketenübungen beobachte, und aus jenen extrapolieren könne, dass sie sich gegen zwei Ziele richteten – Riad und Tel Aviv. Es scheint also als meine der Iran tatsächlich wörtlich, was er auf seine Raketentransporter schreibt: diese Waffen sind zum Einsatz gegen Israel bestimmt.[4]

Doch die Notwendigkeit, sich mit den iranischen Trägersystemen auseinanderzusetzen, rührt nicht nur von der gegen Israel und Saudi Arabien ausgesprochenen Bedrohung. In der vergangenen Jahren hat der Iran seine Raketenreichweite ausgedehnt, weit über Israel hinaus. Der britische Ministerpräsident David Cameron sagte gegenüber dem britischen Parlament, dass er nicht daran glaube, dass eine iranische Atombombe nur Israel bedrohen würde, und erklärt, dass der Iran auch Atomraketen zu bauen versuche, die London treffen könnten. Diese Warnung kam nach einem Briefing des britischen Kabinetts durch den Chef des MI6-Geheimdienstes John Sawers. Grundlage seiner Einschätzung war die wachsende Reichweite der ballistischen Raketen Teherans. Der Iran strebe dazu nach Interkontinentalraketen.[5]

Die generelle Absicht des Iran, seine Fähigkeit auszudehnen, nicht nur seine Gegner im Nahen Osten, sondern auch Europa anzugreifen wird in seinen jüngsten Waffeneinkäufen deutlich. So erwarb er 18 BM-25-Raketen von Nordkorea, deren Reichweite zwischen 2500 und 3500 Kilometern liegen. Von Zentraliran aus bedrohen letztere sehr wohl Italien, Frankreich und Deutschland.

Zusätzlich gelang es dem Iran eine Reihe von russischen Kh-55-Cruise-Missiles aus der Ukraine zu schmuggeln, deren Reichweite auch bei 3500 Kilometern liegt. Es ist wahrscheinlich, dass diese Raketen zum Zweck des „Reverse Engineering“ erworben wurden, damit die iranischen Militärindustrie jene selbstständig herstellen kann. In jedem Fall sind diese Waffen ein weiteres Indiz für die Absichten des Iran, Raketen zu erwerben, die Westeuropa erreichen.[6]

Angesichts der wachsenden Fähigkeiten des Iran gegenüber Europa begann die Bush-Administration formale Verhandlungen mit Polen und der Tschechischen Republik zur Errichtung eines Raketenschirms, welcher 2018 hätte einsatzbereit sein sollen. Die Obama-Administration gab die Stationierung von Raketen in Osteuropa jedoch auf zugunsten eines seegestützten Raketenverteidigungskonzepts. Gleichwohl zeugen diese Vorschläge davon, dass die Vereinigten Staaten die Ambitionen des Iran über den Erwerb Europa bedrohender Raketen bis spätestens zum Ende dieses Jahrzehnts ernstnehmen.

Cameron warnte jedoch auch vor iranischen Interkontinentalraketen. Tatsächlich hat der Iran erfolgreich Raumfahrttechnik entwickelt wie die Zweistufen-Safir-Rakete. 2010 wurde die sogar größere Simorgh enthüllt. Teherans Entschlossenheit, immer fähigere Weltraumvehikel mit immer größerer Reichweite zu erzeugen, führte beim U.S. National Air and Space Intelligence Center zu der Einschätzung, dass der Iran bis 2015 eine Interkontinentalrakete (ICBM) entwickeln könnte, die in der Lage wäre, die Vereinigten Staaten zu erreichen.[7]

Natürlich finden sich auch vorsichtigere Einschätzungen zum Zeitpunkt, wann der Iran in der Lage sein könnte, mit nuklearen Sprengköpfen bestückte ICBMs gegen die USA einzusetzen. So schreibt z.B. Michael Elleman, ehemaliger Waffeninspektor und Senior Fellow am International Institute for Strategic Studies (IISS), dass der Iran 2016 über eine Rakete mit 5000 Kilometer Reichweite verfügen könnte. Solch eine Rakete würde Großbritannien und Spanien in den Zielbereich des Iran bringen. Doch für eine 9000-Kilometer-ICBM, die die USA treffen könnte, bräuchte der Iran wohl noch ein paar weitere Jahre bis 2020. Keiner dieser Termine ist aber aus der Perspektive von 2014 weit entfernt.[8]

Strategische Implikationen

Beim aus den wachsenden iranischen Raketenreichweiten kombiniert mit der Bestückung mit Atomsprengköpfen entstehenden Bedrohungsszenario handelt es sich nicht um einen Überraschungsangriff auf London, Paris oder Berlin am Ende dieses Jahrzehnts. Das unmittelbare Problem für den Westen erwächst aus der enormen strategischen Hebelwirkung für den Iran, der sich als Beschützer radikalislamischer Bewegungen weltweit aufspielen kann. Sollte Europa sich beispielsweise entscheiden, rigoros gegen in Europa aktive islamische Terrorbewegungen vorzugehen, wird der Iran zweifelslos erklären, dass deren Rechte zu schützen seien und mit Gegenmaßnahmen drohen.

Russland und China, die den Iran in der Vergangenheit im UN-Sicherheitsrat beschützt haben, sind weit weniger immun gegenüber diesem Problem, als sie glauben mögen. Zwar gibt es das Argument, dass die islamischen Aufstandsbewegungen im Kaukasus oder Westchina sunnitisch seien und daher vom Iran strategisch nicht die Unterstützung erfahren würden, wie schiitische Milizen wie die Hisbollah. Doch der Iran hat im Laufe der Jahre keine Mühe gescheut, Hamas oder auch al-Qaida zu unterstützen, denen er sowohl Zuflucht als auch operationellen Support zukommen ließ. Man muss sich vergegenwärtigen, dass der Oberste Führer der Iran Ayatollah Ali Khamenei sich in der Vergangenheit auch als „Oberster Führer aller Muslime“ bezeichnet hat, ein Selbstbild über die von ihm getragene Verantwortung für sunnitische Welt. Im Rahmen irgendeiner militärischen Eskalation zwischen dem Westen oder China einerseits und radikal-islamistischen Bewegungen andererseits würde ein nuklear bewaffneter Iran ein Faktor werden, was noch möglich sei und wie weit man gehen könne.

Zu fragen bleibt, ob die Europäer die notwendigen Maßnahmen ergreifen werden, um sich dann zu schützen oder werden sie in diesem Fall abgeschreckt sein? Und welchen Einfluss hat diese Entwicklung auf die Terrororganisationen selbst? Werden sie durch einen nuklear bewaffneten Iran ermutigt, im Wissen, dass sie nun unter seinem Schirm operieren? Gegen Indien agierende islamische Terrorgruppen haben bereits gezeigt, dass sie weitgehend ungestraft angreifen können, da sie sich von Pakistans Atomwaffen gedeckt sehen. Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass dies im Falle des Iran anders wäre. Durch einen effektiven Einsatz von diplomatischem Druck könnten die P5+1 das iranische Raketen- und Sprengkopfprogramm stoppen und so die Entstehung einer weit gefährlicheren strategischen Realität verhindern, durch welche ihre Länder in der nahen Zukunft in Gefahr geraten.

 

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[1] Therese Delpeche, Iran and the Bomb: The Abdication of International Responsibility (New York: Columbia University Press, 2007), pp.125-126.

[2] David Sanger, The Inheritance: The World Obama Confronts and the Challenges to American 

Power (New York: Harmony Books, 2009), pp. 86-94.

[3] David Albright and Robert Avagyan, “Cleanup Activity at Suspected Parchin Test Site Appears Complete: Site Considerably Altered,” Institute for Science and International Security, August 1, 2012, http://isis-online.org/isis-reports/detail/cleanup-activity-at-suspected-parchin-test-site-appears-complete-site-consi/

[5] Jason Groves, “Iran Trying to Build Nuclear Missiles Capable of Hitting London, Cameron Warns MPs,” Daily Mail (UK), March 7, 2012, http://www.dailymail.co.uk/news/article-2111307/Iran-trying-build-nuclear-missiles-capable-hitting-London-Cameron-warns-MPs.html#ixzz2oOsD9rbr

[6] Uzi Rubin, “The Global Range of Iran’s Ballistic Missile Program,” in Dan Diker (ed.), Iran’s Race for Regional Supremacy: Strategic Implications for the Middle East (Jerusalem: Jerusalem Center for Public Affairs, 2008).

[7] Ballistic & Cruise Missile Threat (Washington: National Air and Space Intelligence Center, 2013).

[8] Michael Elleman, “Iran’s Ballistic Missile Program,” in The Iran Primer, U.S. Institute for Peace, http://iranprimer.usip.org/resource/irans-ballistic-missile-program