Iran, Türkei und die Wasserkrise des Irak

Iran, Türkei und die Wasserkrise des Irak

Dr. Jacques Neriah

 

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Der katastrophal niedrige Wasserstand des Tigris

Global haben die Spannungen zwischen Äthiopien und Ägypten einiges an Aufmerksamkeit bekommen, da der Bau des äthiopischen Renaissance-Damms am Blauen Nil nach Stauung des Wassers, den Nil in Ägypten um ein bis zwei Meter absenken dürfte – mit ernst zu nehmenden Konsequenzen für das ägyptische Leben am Fluss. Weit weniger Beachtung wird dagegen dem schwelenden Konflikt an den historisch nicht minder bedeutsamen Flüssen Euphrat (Arabisch: Furat) und Tigris (Arabisch: Dajla) gewidmet, von denen die Existenz der Region Irak im Altertum wie in der Gegenwart abhing.

 

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Karte des Irak

 

Die tödlichen Ausschreitungen in der südirakischen Stadt Basra folgten nach wochenlangen Protesten der lokalen Bevölkerung, die Anfang Juli 2018 einsetzten. Die Unruhen wuchsen sich aus, als der Gouverneur von Basra den Truppen den Befehl zum Einsatz von scharfer Munition gab. Ein Mob stürmte daraufhin am 4. September 2018 das Gebäude der Provinzregierung und setzte es in Brand.

Anlass für die Unzufriedenheit ist die längst überholte und verfallende lokale Infrastruktur. Aktuell bezieht sich dies v.a. auf die versagende Wasserversorgung, die Pest-ähnliche Zustände in der Bevölkerung verursacht hat. Den Lokalnachrichten zufolge müssen täglich 500 bis 1000 Personen in den Notfall eingewiesen werden, weil sie vom Wasser vergiftet wurden, oft mit einhergehenden Hautkrankheiten. Bis zu 17,000 Menschen sind den Gesundheitsbehörden in Basra mit Infektionen des Verdauungstraktes gemeldet worden. (1) Die Krankenhäuser sind nicht mehr in der Lage, mit der Masse an Kranken umzugehen, während die lokalen Behörden nicht wissen, wie sie auf die Ausbreitung von Seuchen und der drohenden Cholera reagieren sollen.

Die zuletzt in Basra geschossenen Fotos verraten die ganze Geschichte: der Tigris, der durch die Stadt fließt und einst die wichtigste Quelle von Trinkwasser und landwirtschaftlicher Blüte war, ist nahezu ausgetrocknet und kann zu Fuß durchwatet werden. Vor einigen Jahren waren dafür Brücken und Boote nötig.

 

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Ausgetrocknetes Flussbett (Pakistani press)

 

Aufgrund des Missmanagements gelang es den Behörden weder, die Bedürfnisse der Lokalbevölkerung zu decken, noch rechtzeitig alternative Wasserquellen zu erschließen. Stattdessen verließen sie sich auf aus dem naheliegenden Marschland von Shatt al-Arab abgepumptes Wasser. Doch dieses steht ebenfalls vor dem Kollaps.

Jenseits des Missmanagement – Vorsätzliches Abzweigen von Wasser

Die Hauptgründe für die humanitäre Katastrophe sind sechs Jahre Dürre mit gelegentlichem und unberechenbarem Regen und – noch entscheidender – der Umstand, dass sowohl die Türkei als auch der Iran Wasser aus den irakischen Flüssen abzweigen.

Beide Länder haben am Euphrat und Tigris Staudämme errichtet, um das Wasser der Zuflüsse anderen Seen und Flüssen zukommen zu lassen, so dass es erst gar nicht im Irak ankommt. Damit wurde das Land am Euphrat und Tigris um 40 Prozent der jährlichen Wassermenge beraubt.

Irakischen Quellen zufolge wurden mindestens 42 Zuflüsse durch den Iran umgeleitet (2), was bereits zu Migrationsbewegungen von Irakern aus den Wassermangelgebieten geführt hätte. Die Türken wiederum haben fünf große und mehrere kleine Dämme im Rahmen eines größeren Programms (22 Dämme – 14 am Euphrat, 8 am Tigris) gebaut. Davon ist der Ilisu-Damm mit einem Stausee von 300 Quadratkilometer der größte.

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Wasser am türkischen Ilisu-Damm (screen capture, YouTube)


Doch v.a. die iranischen Wasserprojekte am Sirwan-Fluss, einem Zufluss des Tigris, bereiten dem Irak Schwierigkeiten. Nahezu 30 Prozent des Tigris-Wassers stammen aus dem Iran, wo 2018 der Daryan-Damm fertiggestellt und geöffnet wurde. Schätzungen zufolge wird dadurch der Zufluss von Seiten des Sirwan um 60 Prozent reduziert, was Zentral- und Südirak ohne ausreichende Wassermengen zurücklässt.

Die Situation in Basra ist noch drastischer, da sich die Stadt am Ende der beiden Flüsse befindet, wo kaum mehr Wasser ankommt, zumal die beiden iranischen Dämme an den Flüssen Karoun und Kerkhe zwei weitere Zuflüsse des Tigris nördlich von Basra abschwächen. Früher versorgten diese den Tigris derart, dass Basra genügend Wasser für die Trinkwasserversorgung und Landwirtschaft zur Verfügung hatte und zudem die in den Fluss gelangten chemischen und industriellen Schadstoffe der Petroleum-Industrie verdünnt wurden. Das Abschwächen des Stromes hat zu Vermischung mit Salzwasser aus dem Persischen Golf geführt, das bis zu 140 Kilometer in das Shatt-al-Arab-Marschland vorgedrungen ist, wo es sich mit den Abwässern aus Basra vermengt.

Der heutige Salzgehalt (EC) im Shatt al-Arab #Basra, gemessen von Dr. al-Hassan.  Salzkonzentration zwischen 33.5 mS/cm – 34.0 mS/cm. Vor sieben Jahren waren es noch 7.7 mS/cm. Der empfohlene Richtwert sollte 1.5 mS/cm nicht überschreiten!  #Save_Basra #Iraq Source:https://t.co/jihXyW5avS pic.twitter.com/uPKSwZCmjw

— Maha (@MahaalGhareeb) August 29, 2018

Salztest des Wassers von Shatt al-Arab, 29. August 2018 (Twitter) (3)

Als Resultat der türkischen und iranischen Wasserprojekte hat der Irak einen Verlust von mehr als 50 Prozent seines Wassers zu verzeichnen, was so viel heißt wie, dass 3-4 Millionen Quadratkilometer agrarischer Nutzfläche sich in Wüsten verwandeln werden. Gegenwärtig hat die Regierung Landwirte angewiesen, keine wasserintensiven Pflanzen wie Reis, Mais oder Getreide mehr anzubauen, was das Land zu Import von Weizen aus den Vereinigten Staaten und Kanada nötigt.