Das neue Programm der Hamas

Am 1. Mai 2017 prĂ€sentierte Khaled Mashal, FĂŒhrer der Hamas, das neue politische Programm der Gruppe, mit dem allerdings die Hamas-Charter nicht aufgehoben wird, sondern auf die aktuelle politische Situation zugeschnittene Strategien vorgestellt werden. Analysiert man das Dokument im Kontext der Politik der Hamas der vergangenen Jahre so wird deutlich, dass das wesentliche Ziel der Veröffentlichung die Demonstration einer ausgewiesenen politischen FlexibilitĂ€t sein soll, die einen Dialog mit dem Westen, internationalen Institutionen und den Vereinten Nationen herbeizufĂŒhren wĂŒnscht. Der gegenwĂ€rtig als Terrororganisation eingestuften Hamas wĂŒrde so Anerkennung als legitimer politischer Akteur verliehen. Hochrangige Hamas-Vertreter versuchen so innerhalb der internationalen Gemeinschaft den Eindruck zu erwecken, dass die Zeit fĂŒr die PalĂ€stinenser arbeitet und ein BĂŒndnis mit Israel sich langfristig nicht rentieren wird.

Der Islamische Staat als heimliches Vorbild

Der Islamische Staat stellt die regionalen Akteure vor eine gewaltige Herausforderung. Nicht nur wird eine islamische Vision im Irak und Syrien realisiert, der in der Tradition eine besondere Bedeutung zukommt. Dem Islamischen Staat gelingt es zudem, seine Herrschaft auszubauen, den Vereinigten Staaten und dem Westen furchtlos die Stirn zu bieten, tausende Muslime aus aller Welt anzuziehen und Millionen mehr zu inspirieren. Die fĂŒhrenden islamischen Organisationen – die von Scheich Yusuf al-Qaradawi gefĂŒhrte Internationale Union Muslimischer Gelehrter, die Muslimbruderschaft und Hizb ut-Tahrir – haben den Aufuf des "Kalifen" Baghdadi zur Gefolgschaft aller Muslime abgelehnt. Ihrer Meinung nach stimmen die Bedingungen, unter denen das Kalifat errichtet wurde, nicht mit den vom Islam geforderten ĂŒberein, so dass es als unwirksam zu gelten habe. Gleichzeitig lehnen es diese Gruppen vehement ab, dass die Vereinigten Staaten sowie die internationale und arabische Koalition militĂ€risch gegen den IS vorgehen. Die ambivalente Haltung dieser Organisationen zum IS liegt in der deutlichen Herausforderung begrĂŒndet, die das Kalifat fĂŒr sie darstellt. Einerseits können sie dem Kalifen keine Gefolgschaft schwören, da es eine vollstĂ€ndige Unterwerfung unter die Herrschaft des IS bedeuten wĂŒrde mit allem, was dazu gehört. Andererseits wollen sie natĂŒrlich das Kalifat gegen die internationale und arabische Koalition verteidigen, selbst wenn sie sich darĂŒber im Klaren sind, dass ein Erstarken des IS den Sturz existierender arabischer Regime und eine Annexion zusĂ€tzlicher Staaten durch Baghdadis Truppen bedeuten könnte. Die Hamas ist gegenwĂ€rtig dem temporĂ€ren Waffenstillstand in Gaza verpflichtet. Diese Zeit reduzierter Terrorgefahr aus Gaza hat, auch wenn sie nur eine Vorbereitung fĂŒr die nĂ€chste Runde sein dĂŒrfte, ein Vakuum hinterlassen. Der IS hat dieses Vakuum mit dschihadistischen Erfolgsmeldungen vom Schlachtfeld gefĂŒllt, indem er den Westen ohne Unterlass bekĂ€mpft, islamisches Recht durchsetzt und verspricht, PalĂ€stina zu befreien, sobald die arabische "VerrĂ€terregime" in Saudi Arabien und Jordanien gestĂŒrzt sind.

Angesichts dieser Herausforderung, die die UnterstĂŒtzung der Hamas zu untergraben droht und bereits jetzt dazu gefĂŒhrt hat, das Hamas-Aktivisten die Organisation verlassen haben, um sich dem IS anzuschließen, versucht die Hamas eine neue Front gegen Israel im Westjordanland und Jerusalem zu eröffnen oder doch zumindest die Welle des "privaten Dschihad" auszunutzen, die so viele bereits mitgerissen hat. Dieser Ansatz deckt sich mit dem strategischen Ziel der Hamas, die Herrschaft der Autonomiebehörde im Westjordanland zu ĂŒberwinden, die palĂ€stinensische Regierungsgewalt an sich zu reißen und das Westjordanland zur Ausgangsbasis fĂŒr den nĂ€chsten Terrorkrieg gegen Israel zu nutzen – dann von einer weit besseren Position als gegenwĂ€rtig in Gaza.

Auf diese Weise hat die Hamas die Terrormethoden des IS ĂŒbernommen, ohne die Quelle zu nennen. Je mehr sich der stillschweigende Konkurrenzkampf mit dem IS an der palĂ€stinensischen Basis verschĂ€rft, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Hamas auf diese Methoden zurĂŒckgreifen wird. Auf diese Weise – und dadurch, dass sie wiederholt eine "dritte Intifada" beschwört – will die Hamas als ausdauernde dschihadistische Widerstandskraft gegen Israel gesehen werden.

Obamas Richtungswechsel und die westliche Strategie in der Syrienfrage

‱ Das syrische Regime ist weit schwĂ€cher als den meisten Beobachtern bewusst ist. In allen Regionen gelingt es den Rebellen, das Moment fĂŒr sich zu gewinnen. Die desperate Situation des Regimes zeigt sich in seiner zunehmenden AbhĂ€ngigkeit von irregulĂ€ren und FreiwilligenverbĂ€nden aus dem Iran, dem Irak und dem Libanon.

‱ Sollten die Amerikaner eingreifen, dann wĂ€re von den islamistischen Rebellen keine Dankbarkeit zu erwarten, die es als Versuch einer imperialen Macht wahrnehmen werden, ihre Eigeninteressen in der Region und als Beistand fĂŒr Israel durchzusetzen. Sollten die Amerikaner dagegen nichts unternehmen, dann wird ihnen vorgeworfen werden, Völkermord gestattet und das Assad-Regime ermutigt zu haben.

‱ Ein begrenzter MilitĂ€rschlag hĂ€tte sehr wohl seine Vorteile. Auf diese Weise wird das syrische Regime gezwungen, sich zu bewegen, doch auch die Rebellen erhalten Antrieb, den militĂ€rischen Druck zu erhöhen, ohne dass eine auslĂ€ndische Intervention von Nöten ist.

‱ Die wirkliche Herausforderung fĂŒr die Amerikaner besteht allerdings in der Frage ihrer FĂ€higkeit, den Ausgang des Konfliktes so zu beeinflussen, dass am Ende Assad durch eine verantwortliche FĂŒhrung ersetzt wird, die das Chaos ebenso zu verhindern vermag wie die Übernahme des Chemiewaffenarsenals durch Terrororganisationen.

Abbas: ZurĂŒck zur politischen RadikalitĂ€t

· In seiner Rede zum Jahrestag der GrĂŒndung der Fatah vom 4. Januar prĂ€sentierte ihr FĂŒhrer Mahmoud Abbas, Vorsitzender von PalĂ€stinensischer Autonomiebehörde und PLO, eine radikale politische Doktrin. Die von Abbas vorgetragene Botschaft bringt seine politischen wie nationalen Visionen zum Ausdruck, die er dem palĂ€stinensischen Volk hinterlassen möchte.

· In seiner Rede vermeidet es Abbas, einen Kompromiss mit Israel zu erwĂ€hnen, der ein Ende des Konfliktes bedeuten könnte. Weder verweist er auf die Land-fĂŒr-Frieden-Formel noch auf die Errichtung eines PalĂ€stinenserstaates neben Israel. Stattdessen entschied er sich zu bekrĂ€ftigen, dass die PalĂ€stinenser den Weg des Kampfes fortsetzen sollten, um den „Traum von einer RĂŒckkehr“ der palĂ€stinensischen FlĂŒchtlinge und der Millionen Nachgeborenen zu verwirklichen.

· Abbas verpflichtete sich, diesen Weg des Kampfes weiter zu beschreiten, den andere PalĂ€stinenserfĂŒhrer vor ihm gegangen waren. Dabei erwĂ€hnte er den Mufti von Jerusalem, Hadsch Amin al-Husseini, der dazu eine strategische Partnerschaft mit Nazideutschland einging, sowie die FĂŒhrer von palĂ€stinensischen Terrororganisationen, die direkt fĂŒr die Ermordung Tausender israelischer Zivilisten verantwortlich waren. Diese Figuren sind gleichberechtigte wie angemessene Partner im palĂ€stinensischen Kampf und ihre ideologische Programmatik, selbst wenn sie terroristisch und/oder radikalislamisch ist, dient als Quelle der Inspiration fĂŒr das palĂ€stinensische Volk.

· Zu Ehren der GrĂŒndung der Fatah hielt ihr militĂ€rischer Arm, die al-Aqsa-MĂ€rtyrerbrigaden, Ende Dezember Paraden mit Dutzenden von mit Sturmgewehren Bewaffneten in Hebron, Bani Na’im und im Kalandia-FlĂŒchtlingslager nördlich von Jerusalem ab.

· Wer auch immer glaubte, dass Abbas nach der Resolution der UN-Vollversammlung vom 29. November 2012, die die PLO-Beobachtermission in der UNO zu einem Beobachterstaat machte, nun einen gemĂ€ĂŸigteren Kurs einschlagen wĂŒrde, muss zweifelsohne von den Worten Abbas enttĂ€uscht sein. Er bereitet die PalĂ€stinenser nicht darauf vor, Frieden zu schließen, sondern kehrt vielmehr zu einer Rhetorik zurĂŒck, die den Konflikt fortsetzt und sogar verschĂ€rft.

Syrien „am Tag danach“

· FĂŒr Syrien schlĂ€gt bald die Stunde der Wahrheit. Das Regime Bashar Assads steht in RĂŒckzugsgefechten und hat ĂŒber weite Teile des Landes die Kontrolle verloren. Der syrische VizeprĂ€sident Farouq al-Shara gab am 17. Dezember in einem Interview mit der libanesischen Zeitung al-Akhbar zu, dass er nicht daran glaube, dass die syrische Armee diesen Kampf noch gewinnen könne.

· Es ist eher unwahrscheinlich, dass das Assad-Regime darauf hofft, den Status Quo Ante mit Hilfe chemischer Waffen wiederherzustellen. Stattdessen scheint wahrscheinlich, dass es sich darum bemĂŒhen wird, den Großteil seiner loyalen Truppen und strategischen Waffen (einschließlich der chemischen) in die alawitischen Enklave im Westen des Landes zu verlegen, um dort in der zukĂŒnftigen syrischen Ordnung als Abschreckung gegen Racheakte und als politische Trumpfkarte der alawitischen Bevölkerung zu fungieren.

· WĂ€hrend die Vereinigten Staaten und andere westliche LĂ€nder den Syrischen Nationalrat als einzigen und exklusiven ReprĂ€sentanten des syrischen Volkes anerkannt haben, betrachten die Rebellen diese neue FĂŒhrung als von außen aufoktroyiert und sind allenfalls vorĂŒbergehend bereit, sie als Akteur zu akzeptieren, dem es gelingt, die zum Sturz des Regimes nötige internationale UnterstĂŒtzung zu generieren.

· TatsĂ€chlich wird der syrische Aufstand von militĂ€rischen Verbindungen dominiert, die das Regime seit MĂ€rz 2011 bekĂ€mpfen. Die ĂŒberwiegende Mehrheit dieser Gruppen treten fĂŒr islamistische, dschihadistische oder salafistische Überzeugungen ein.

· Die umfassende UnterstĂŒtzung der Rebellen fĂŒr die al-Nusra-Front, einem Arm der al-Qaida, gegen den Willen der Vereinigten Staaten und des Westens deuten die zukĂŒnftige Ausrichtung der syrischen Revolution an, die bereit zu sein scheint, den Islamismus zur Grundlage einer das Assad-Regime ersetzenden Regierung zu machen.

· Nach dem Sturz des Assad-Regimes dĂŒrfte Israel mit aller Wahrscheinlichkeit fĂŒr eine Übergangszeit eine militĂ€risch-terroristische Gefahr erwachsen. Diese Phase dĂŒrfte durch eine InstabilitĂ€t der Regierung und einem Mangel an Kontrolle einiger KampfverbĂ€nde durch die Zentralgewalt geprĂ€gt sein.

Die KĂ€mpfe zwischen Israel und Hamas – langfristige Implikationen

· Die aktuelle Konfrontation zwischen Israel und der Hamas begann nicht mit dem Raketenhagel, sondern mit den verstĂ€rkten TerroraktivitĂ€ten entlang der Grenze zwischen Israel und dem Gazastreifen. Die Strategie der Hamas hat sich in den vergangenen zwei Jahren gewandelt – sie geht davon aus, dass der „Islamische FrĂŒhling“ das KrĂ€fteverhĂ€ltnis zwischen der arabischen Welt und Israel verschoben hat.

· Ägypten wird nunmehr von der Muslimbruderschaft gefĂŒhrt, der Mutterbewegung der Hamas. Die neue islamistische Regierung Ägyptens betrachtet die Hamas als strategischen Partner im Kampf gegen Israel. TatsĂ€chlich ist die Hamas nunmehr in der Lage, mittels des Ă€gyptischen Regimes den Dialog mit den Vereinigten Staaten und Europa zu fĂŒhren.

· Dank des „Islamischen FrĂŒhlings“, der die politische Karte des Nahen Ostens neu prĂ€gt, wird der gegenwĂ€rtigen Generation die Befreiung PalĂ€stinas „vom Fluss bis zum Meer“ als absolut realistisches Ziel geboten. Umgekehrt hat Israel aus der Perspektive der Hamas angesichts des wachsenden strategischen Drucks sein Gleichgewicht verloren, wĂ€hrend die TĂŒrkei und Ägypten nunmehr im Wesentlichen zu bitteren Gegnern innerhalb eines neuen Nahen Ostens herangewachsen sind.

· Die Hamas sieht in jeder Runde des bewaffneten Kampfes gegen Israel nur eine weitere Stufe in einem langjĂ€hrigen ZermĂŒrbungskrieg. Ihre FĂŒhrer hoffen darauf, dass die immer schwereren und gewalttĂ€tigeren AusbrĂŒche schließlich Israels WiderstandskrĂ€fte aufbrauchen und die Massen zur Errichtung einer vereinten militĂ€rischen Front zur Befreiung PalĂ€stinas anstacheln werden.

· Trotz der erlittenen militĂ€rischen SchlĂ€ge geht die Hamas gestĂ€rkt aus dieser Runde des Konfliktes hervor. In ihrem Raketenfeuer auf Tel Aviv und Jerusalem konnte sich die Hamas der Sympathien in der arabischen Welt sicher sein. Die Gaza zukommenden Finanzhilfen werden es ihr ermöglichen, ihre militĂ€rische Infrastruktur fĂŒr die nĂ€chste Runde wieder aufzubauen.

PalĂ€stinenser bestehen auf RĂŒckkehrrecht

· Das GerĂŒcht, der PalĂ€stinenserfĂŒhrer Mahmoud Abbas hĂ€tte bei einem Interview mit dem israelischen Fernsehsender Channel 2 TV am 2. November 2012 anscheinend das „RĂŒckkehrrecht“ der palĂ€stinensischen FlĂŒchtlinge entsorgt, erweist sich bei nĂ€herer Betrachtung der von Abbas selbst gelieferten Klarstellungen als gegenstandslos. In ihnen hatte dieser das RĂŒckkehrrecht als „heiliges Recht“ bezeichnet und seine absolute Verpflichtung gegenĂŒber diesen grundsĂ€tzlichen palĂ€stinensischen Positionen bekrĂ€ftigt.

· Die sich zwischen Israel und den PalĂ€stinensern auftuende Kluft hinsichtlich der FlĂŒchtlingsfrage ist unĂŒberbrĂŒckbar. Aus palĂ€stinensischer Perspektive handelt es sich um ein Tabu, das nicht in Frage gestellt werden darf. Die Formulierung „eine gerechte und im Einvernehmen getroffene Lösung auf Grundlage von Resolution 194“ deutet nicht auf eine mögliche palĂ€stinensische Kompromissbereitschaft hin, denn „im Einvernehmen“ heißt nichts anderes, als Israel dazu zu zwingen, die palĂ€stinensische Forderung von „Gerechtigkeit“ umzusetzen.

· Sowohl die PLO als auch die PalĂ€stinensische Autonomiebehörde – und ebenso die Hamas-Regierung im Gazastreifen – halten in der palĂ€stinensischen Gesellschaft die Idee lebendig, dass die FlĂŒchtlinge zurĂŒckkehren könnten, womit sie jede Möglichkeit ausschließen, dass die FlĂŒchtlinge außerhalb der Lager angesiedelt werden, und gleichzeitig die Rolle der UNRWA bewahren, die als praktisches Symbol der Forderung nach RĂŒckkehr fungiert.

· Unter den PalĂ€stinensern herrscht Konsens darĂŒber, dass man, solange das RĂŒckkehrrecht nicht umgesetzt ist, den Konflikt mit Israel aufrechterhalten kann, was so viel bedeutet, dass eine Fortsetzung des bewaffneten Kampfes gegen den jĂŒdischen Staat auch nach der Errichtung eines PalĂ€stinenserstaates gerechtfertigt wĂ€re. Damit stellt das „FlĂŒchtlingsproblem“ die Trumpfkarte der PalĂ€stinenser dar, mit der sie Israel immer wieder konfrontieren werden.

· Die scharfen Reaktionen von palĂ€stinensischer Seite gegenĂŒber den Äußerungen Abbas‘ zeugen vom Unvermögen der PalĂ€stinenserfĂŒhrung, in der FlĂŒchtlingsfrage Israel entgegen zu kommen, selbst wenn sie es wĂŒnschen wĂŒrde.

Die PalĂ€stinensische Versöhnung – Übernimmt Hamas die PLO?

Ende Dezember 2011 wurden in Kairo die Grundlagen fĂŒr einen historischen Wandel innerhalb der PalĂ€stinenserbewegung gelegt. Der FĂŒhrer von PLO und Fatah und PrĂ€sident der PalĂ€stinensischen Autonomiebehörde Mahmoud Abbas ebnete den Weg fĂŒr eine neue Partnerschaft mit der Hamas und dem Islamischen Dschihad fĂŒr das Verwalten der Belange der PalĂ€stinenser im Westjordanland und im Gazastreifen sowie ihre ReprĂ€sentation.

Dieses Abkommen zur Versöhnung und strategischen Partnerschaft kam auf einem Treffen zwischen Abbas und Hamas-FĂŒhrer Khaled Mashaal am 22. Dezember in Kairo zustande. Zu seiner Umsetzung sind drei Schritte vorgesehen: 1. Eine umfassende nationale Versöhnung, 2. eine Reform der PLO sowie 3. eine Einigung ĂŒber ein strat egisches Vorgehen in allen fĂŒr die PalĂ€stinenser gravierenden Fragen. Der Pragmatismus der Hamas, der sich in ihrer Bereitschaft ausdrĂŒckt, die AutoritĂ€t von Abbas als PA-PrĂ€sident und PLO-Chef anzuerkennen, deutet jedoch in keinster Weise auf einen strategischen Wandel in der Hamas-Politik oder eine Akzeptanz des PLO-Ansatzes hin – ganz sicher jedoch nicht im Hinblick auf die Interimsabkommen mit Israel und deren Ursprung im von Israel und Arafat im September 1993 unterzeichneten Schreiben zur wechselseitigen Anerkennung. Die PLO-Institutionen durch die offene VordertĂŒr zu betreten ist fĂŒr die Hamas das Trojanische Pferd, mit dem sie die oberste Stelle palĂ€stinensischer AutoritĂ€t von innen erobern kann, einschließlich der internationalen Anerkennung und mehr. Die Hamas sieht darin den kĂŒrzesten und effizientesten Weg, um die FrĂŒchte des Islamischen FrĂŒhlings zu ernten, der den Konflikt zwischen Israel und den verschiedenen Regimen und Völkern des Nahen Ostens verschĂ€rft. Dies dĂŒrfte es der PA schwer machen, ohne breite innere wie arabische UnterstĂŒtzung mit Israel zu verhandeln.
Aus israelischer Perspektive sind die nahöstlichen wie palĂ€stinensischen Entwicklungen bedenklich. Die Autonomiebehörde schmiedet eine strategische Allianz mit radikalen islamistischen KrĂ€ften, wĂ€hrend der Westen zur gleichen Zeit ihrer Mutterorganisation – die Muslimbruderschaft – anerkennt und eine Politik verfolgt, die im Nahen Osten als SchwĂ€che gesehen wird. Der Schachzug von Abbas garantiert seinem Regime StabilitĂ€t, doch dĂŒrfte er sich sehr wahrscheinlich als ein AbsĂ€gen des Astes auf dem Abbas sitzt herausstellen, da er der Hamas ermöglicht, einen BrĂŒckenkopf zur Übernahme von PA- und PLO-Institutionen zu bauen. Dieses Szenario wĂŒrde Israel nachhaltig vor große Herausforderung in der palĂ€stinensischen Frage stellen und trĂ€gt in sich ein hohes Potential fĂŒr eine regionale Eskalation.

Ägyptens islamistische Parteien: Eine Gefahr fĂŒr den Frieden mit Israel?

· Der gegenwĂ€rtig in den Medienberichten vorherrschende Optimismus darĂŒber, dass die Ă€gyptischen MuslimbrĂŒder wie auch die Salafisten bereit wĂ€ren, den Friedensvertrag mit Israel unangetastet zu lassen beruht auf allgemeinen Aussagen hochrangiger Vertreter beider Parteien. In jenen heißt es, dass Ägypten sich an die unterzeichneten internationalen VertrĂ€ge zu halten habe.

· Bei genauerer Betrachtung der Positionen zeigen sich jedoch dezidiert andere Tendenzen. Beide suchen nach Möglichkeiten, die Camp David-Vereinbarungen auf eine Weise loszuwerden, die diplomatische wie wirtschaftliche Nachteile minimiert und Ägypten wieder in die vorderste Front jener einreiht, die Israel die Stirn bieten.

· Die Muslimbruderschaft hat dazu eine Reihe von Kriterien erarbeitet, mit denen internationale VertrĂ€ge auf den PrĂŒfstand gestellt werden können, einschließlich des Camp David-Abkommens. Dazu gehören die ErwĂ€gungen des islamischen Sharia-Rechts, die Haltung der Ă€gyptischen Bevölkerung sowie die Frage, in wie weit sich Israel aus Ă€gyptischer Perspektive an die Vereinbarungen hĂ€lt.

· Es ist ein strategisches Ziel der Ă€gyptischen Islamisten, Ägypten wieder zur fĂŒhrenden regionalen Kraft im diplomatischen wie militĂ€rischen Kampf gegen Israel zu machen. Dazu gehört die Infragestellung des Camp David-Abkommens und dessen ÜberprĂŒfung durch das neue Ă€gyptische Parlament, in dem die islamistischen Parteien dominieren, oder durch einen Volksentscheid, durch welchen die Verantwortung zukĂŒnftiger Ă€gyptischer Regierungen bei einer Aufhebung des Friedensvertrages abgemildert werden wĂŒrde.

· Diese Entwicklungen können jedoch von Seiten der Amerikaner und ihrer Alliierten verhindert werden, sollten sie sich entschließen, eine entschlossene Haltung gegen jede Initiative einzunehmen, die droht, den Friedensvertrag zwischen Israel und Ägypten zu untergraben. Dazu gehört auch, dass die politische Klasse Ägyptens sich der Konsequenzen einer solchen Aktion vollstĂ€ndig bewusst ist.

MachtkĂ€mpfe in der Hamas: Die wachsende Rolle der Gaza-FĂŒhrung

Die jĂŒngste offene Konfrontation zwischen Mahmoud al-Zahar, dem Hamas-Außenminister Gazas, und dem Chef des Hamas-PolitbĂŒros in Damaskus Khaled Mashaal verdeutlicht die sich unter der OberflĂ€che verschĂ€rfenden Spannungen zwischen den beiden Hamas-FĂŒhrungen in Gaza und Syrien.

· Al-Zahar besteht darauf, dass der Gaza-Hamas mehr Einfluss bei der Entscheidungsfindung eingerĂ€umt wird, wĂ€hrend die Hamas im Ausland das Machtzentrum außerhalb PalĂ€stinas behalten möchte.

· Seit dem israelischen Abzug aus Gaza 2005, dem deutlichen Sieg der Hamas bei den Parlamentswahlen von 2006 und der militĂ€rischen MachtĂŒbernahme Gazas durch die Hamas im Juni 2007 konnte die Hamas-Regierung einen Zuwachs an politischer und ökonomischer Macht verzeichnen. Sie unterhĂ€lt internationale Beziehungen und erhebt Importsteuern fĂŒr Lieferungen aus Israel und Ägypten, was eine betrĂ€chtliche Einkommensquelle darstellt. Damit ist die AbhĂ€ngigkeit von der Hamas-FĂŒhrung im Ausland schwĂ€cher geworden.

· ZusĂ€tzlich hat die Festigung der Hamas-Regierung in Gaza, wo die wichtigsten StreitkrĂ€fte der Hamas – die al-Qassam-Brigaden – stationiert sind, das MachtgefĂŒge innerhalb der Terrororganisation allmĂ€hlich verschoben. Al-Zahar hat die AutoritĂ€t Mashaals in der FĂŒhrung der Bewegung damit herausgefordert, dass er sich fĂŒr eine Verlagerung des Machtzentrums aus dem Ausland nach „PalĂ€stina“ aussprach. Einen Ă€hnlichen Prozess machte die Fatah 1994 durch, als die PalĂ€stinensische Autonomiebehörde errichtet wurde, was dazu fĂŒhrte, dass schließlich ein Großteil der FĂŒhrung in den PalĂ€stinensergebieten lebte.

· Mashaal hat bewusst darauf verzichtet, auf diese Herausforderung durch al-Zahar zu reagieren, vermutlich um den Eindruck zu vermeiden, jener sei ein ebenbĂŒrtiger Rivale im Machtkampf. Mashaals Hauptziel ist gegenwĂ€rtig, die Versöhnung mit der Fatah zu propagieren, um einen Beitritt der Hamas in die PLO vorzubereiten. Ziel ist, diese international einzig als reprĂ€sentativ fĂŒr die PalĂ€stinenser geltende Organisation zu ĂŒbernehmen.