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60 Jahre Israel
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Wie Iran Syriens Nuklearbewaffnung vorangetrieben hat: Hintergründe der israelischen Aktion gegen den Reaktor von al-Kibar
Sicherheit  |  19/03/2009

Hans Rühle/NZZ.
 
Im Februar 2007 gelang der CIA ein spektakulärer Coup. Der Sicherheitsberater des iranischen Ex-Präsidenten Khatami und langjährige stellvertretende Verteidigungsminister General Ali Reza Askari wechselte die Seiten und stellte sich der CIA zur Verfügung. Die Befragung Askaris brachte eine Fülle neuer Informationen – auch und besonders über das iranische Nuklearprogramm. Die grösste Überraschung allerdings war seine Aussage, Iran finanziere ein geheimes Nuklearprojekt von Syrien und Nordkorea. Niemand in der amerikanischen Geheimdienst-Szene hatte davon je gehört. Und auch die umgehend informierten Israeli waren ahnungslos. Letzteres war umso peinlicher, als Israels Regierung immer behauptet hatte, es gebe in Syrien nichts, was sie nicht wisse. Und nun dies – ein fast betriebsbereiter, von Nordkorea erbauter Gas-Grafit-Reaktor, der nur der Produktion von Plutonium zur Herstellung von Waffen dienen konnte.
 
Sowohl die USA als auch die Israeli waren davon ausgegangen, dass Syrien keinerlei Interesse an Nuklearwaffen habe. Zwar hatte Syrien Anfang der neunziger Jahre von China einen kleinen Forschungsreaktor erworben, doch der Versuch, einen leistungsfähigeren Forschungsreaktor zu beschaffen, scheiterte. Der Druck aus den USA auf die potenziellen Ausrüster – China, Russland und Argentinien – und die enormen Kosten zwangen die Syrer zur Aufgabe ihrer Pläne. Stattdessen konzentrierte sich die Führung unter Präsident Asad darauf, ihr Potenzial an chemischen Kampfstoffen auszubauen.
 
Angeleitet von General Anatoli Kunzewitsch, dem Berater des früheren Präsidenten Jelzin für chemische Waffen, gelang es Syrien Ende der neunziger Jahre, sein umfangreiches Potenzial an Sarin durch die Produktion von VX-Gas zu einer auch für Israel gefährlichen Option auszubauen. Ein Versuch des damaligen israelischen Regierungschefs Barak, Präsident Putin zum Stopp der Aktivitäten des russischen Ex-Generals zu bewegen, scheiterte. Erst als Kunzewitsch 2002 bei einem bis heute ungeklärten Flugzeugabsturz ums Leben kam, endete diese Episode russisch-syrischer Kooperation. In die entstandene Lücke sprang umgehend Iran, das fortan das chemische Waffenprogramm einschliesslich der Trägermittel betreute. Nicht zuletzt ging es darum, das syrische Potenzial von rund 100 alten sowjetischen Raketen (SS-21, Scud-B, -C, -D) zu modernisieren.
 
Der Aufbau einer für Israel existenziell bedrohlichen chemischen Option durch Syrien beherrschte die israelischen Bedrohungsanalysen im Bereich der Massenvernichtungswaffen in vollem Umfang. An anderes wurde nicht gedacht – weil es jenseits der Vorstellungen über Syriens Pläne zur Ausrüstung mit Massenvernichtungswaffen lag. Die Amerikaner wiederum verliessen sich bezüglich Syriens ohne Einschränkung auf die israelischen Erkenntnisse.
 
Die Fixierung auf die Bedrohung durch chemische Waffen bestimmte auch die Aktivitäten des Mossad, der auf vielfältige Weise das syrische Programm zu behindern versuchte. Nach jüngst verfügbar gewordenen israelischen Quellen hatte aber schon im Sommer 2000 für Syrien eine neue Zeit begonnen. Bachar Asad, der im Gegensatz zu seinem Vater den Iranern ohne Vorbehalte gegenüberstand, liess sich mit Iran und Nordkorea auf eine Dreierbeziehung zum Zwecke der Ausrüstung Syriens mit Nuklearwaffen ein. Bereits unmittelbar nach dem Tod des alten Asad im Juni 2000 kam es zu einem ersten Treffen zwischen Syrien und einer nordkoreanischen Delegation, die zum Begräbnis angereist war. Man kam gleich zur Sache und diskutierte über die Möglichkeit, Syrien durch den Aufbau eines von Nordkorea gelieferten Reaktors zur Nuklearmacht aufzurüsten. Weitere Details wurden anlässlich einer Konferenz in Damaskus im Juli 2002 geregelt. Der «Deal», wie er sich schliesslich ergab, sah vor, dass Iran das Geld, Syrien das Territorium und Nordkorea die nukleare Hardware zur Verfügung stellen sollte.
 
Noch im Jahr 2002 erreichten die ersten Lieferungen aus Nordkorea syrische Häfen – spezielles Baumaterial, aber auch einschlägige Wissenschafter und Techniker. Ein reger Schiffsverkehr zwischen Nordkorea und Syrien entstand. Zwar registrierten die USA und Israel diese Entwicklung, doch sahen sie keinen Anlass zur Sorge. Dabei hätte spätestens im Herbst 2006 klar sein müssen, dass Ungewöhnliches im Gange war. Damals wurde ein unter panamaischer Flagge fahrendes Schiff, das in Nordkorea beladen worden war, auf seiner Route nach Syrien durch zypriotische Behörden gestoppt und durchsucht. Die Frachtpapiere lauteten auf «meteorologisches Gerät», tatsächlich waren unter anderem 18 mobile militärische Radarsysteme an Bord. Auch wenn diese Radarsysteme im Prinzip unbedenklich waren, hätte der Täuschungsversuch als solcher Anlass zu intensiveren Nachforschungen sein müssen.
 
Diese Sorglosigkeit war nur möglich, weil auch die Satellitenaufklärung der USA keinerlei Warnsignale sendete. Zwar registrierte man schon seit 2003 Bautätigkeiten im Gebiet Dir az-Zur im Osten Syriens, doch es schien nichts Aufregendes zu sein. Dies umso weniger, als es bei der Baustelle keinen Funk- oder Telefonverkehr gab. Das Projekt war stumm. Der Grund hierfür lag in der Anordnung der syrischen Regierung, keinerlei technische Mittel zu verwenden, deren Ortung den Zweck des Projekts hätte enthüllen können. Mit anderen Worten: Das Projekt «Reaktor al-Kibar» wurde ausschliesslich über Boten geleitet – mittelalterlich, aber wirksam.
 
So war es denn kein Wunder, dass Amerikaner und Israeli durch die Enthüllungen von General Askari vom Februar 2007 überrascht wurden. Doch in die Überraschung mischten sich sehr schnell die Zweifel der Geheimdienste, die diesen beruflichen Super-GAU nicht wahrhaben wollten. Es begann eine streng geheime Aktion der Geheimdienste beider Länder, um der Sache auf den Grund zu gehen. Da man wusste, wonach man suchen musste, ergaben sich schnell neue Erkenntnisse, die Askaris Aussage zu belegen schienen. Doch letzte Gewissheit wollte sich nicht einstellen. Da entschloss sich die israelische Führung zu einer riskanten Operation. Mitte August flogen 12 Mann einer Kommando-Einheit in zwei Helikoptern zum Reaktorgelände al-Kibar, nahmen Bodenproben und fotografierten die Anlage. Die Auswertung ergab eindeutig, dass es sich um einen Reaktor nordkoreanischer Bauart handelte.
 
Da kurz zuvor ein nordkoreanisches Schiff mit nuklearen Brennelementen auf dem Weg nach Syrien überprüft worden war, schien Eile geboten. Am Morgen des 6. September 2007 starteten sieben israelische F-15-Jagdbomber nach Norden. Sie flogen entlang der Mittelmeerküste, streiften die Türkei und drangen nach Syrien ein. 50 Kilometer vor dem Ziel feuerten sie 22 Raketen auf die drei identifizierten Objekte innerhalb des Kibar-Komplexes ab. Die Syrer waren völlig überrascht. Als ihre Luftabwehrsysteme einsatzbereit waren, befanden sich die israelischen Flugzeuge längst ausserhalb ihrer Reichweite. Die Mission war erfolgreich, der Reaktor zerstört.
 
Es dauerte nur wenige Stunden, dann wurde bekannt, Israel sei in den syrischen Luftraum eingedrungen und habe «etwas abgeworfen». Da der syrische Präsident darüber hinaus nur äusserte, nirgendwo sei nennenswerter Schaden entstanden und die syrische Luftabwehr habe die israelischen Jagdbomber zur Flucht gezwungen, blieb die israelische Aktion rätselhaft. Weder die Israeli noch Vertreter ihrer Schutzmacht USA liessen sich zunächst irgendeine Stellungnahme entlocken. Das entsprach einer Vereinbarung, die die beiden Staaten im Vorfeld der Aktion geschlossen hatten. Als Präsident Bush am 20. September anlässlich einer Pressekonferenz mehrmals gefragt wurde, was es mit dieser Aktion der israelischen Luftwaffe auf sich habe, antwortete er immer wieder stereotyp: «Kein Kommentar.»
 
Bush war offensichtlich daran gelegen, die laufenden Sechs-Parteien-Gespräche über das nordkoreanische Nuklearprogramm nicht zu gefährden, musste er doch befürchten, dass mit der nachgewiesenen Proliferation durch Nordkorea ein Problem zum Verhandlungsgegenstand werden würde, das mit dem Geist der Sechs-Parteien-Gespräche unvereinbar war. Israel spielte das amerikanische Spiel mit, obwohl es eine Reaktion bevorzugt hätte – ein Signal nach Teheran, dass Israel fähig und willens war, keine weitere Nuklearmacht in der Region zuzulassen.
 
Doch der Versuch, die öffentliche Meinung über den israelischen Angriff zu steuern, scheiterte. Am 23. Oktober wurden erste Artikel in der amerikanischen Presse publiziert. Obwohl die Indizien eindeutiger geworden waren, hielten die Regierungen in Washington und Tel Aviv an ihrer restriktiven Öffentlichkeitsarbeit fest. Doch es bröckelte an allen Ecken und Enden. Am 24. April 2008 schliesslich trat die amerikanische Regierung die Flucht nach vorne an. Ohne Absprache mit Israels Regierung bestätigten amerikanische Geheimdienstmitarbeiter, dass es sich bei dem von Israel zerstörten Objekt um einen Gas-Grafit-Reaktor nordkoreanischer Bauart gehandelt habe, der im September 2007 betriebsbereit gewesen wäre. Nur Stunden danach waren alle Informationen öffentlich.
 
Die USA hatten bereits gegen Ende 2007 die Vorgänge in al-Kibar vorsichtig-zurückhaltend in die Sechs-Parteien-Gespräche eingeführt. Doch zunächst zeigten die Nordkoreaner keinerlei Bereitschaft, sich auf dieses Thema einzulassen. Dies wiederum veranlasste Präsident Bush Anfang Dezember 2007, in einem Brief an den nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Il Aufklärung zu verlangen. Doch die Antwort blieb aus – bis heute. An der Haltung der nordkoreanischen Führung hat sich freilich nichts geändert. Sie lässt sich auf den einfachen Nenner bringen: Geld – möglichst schnell und möglichst viel. Nach israelischen Schätzungen hat Iran das syrische Nuklearprogramm mit Zahlungen von ein bis zwei Milliarden Dollar an Nordkorea finanziert.
 
Ob es in naher Zukunft zusätzliche Nachfrager für nukleare Hardware aus Nordkorea geben wird, ist eine offene Frage. Der Abschreckungseffekt der israelischen Aktion vom September 2007 wird vermutlich nicht von Dauer sein. Im Übrigen sollte man sich daran erinnern, dass weltweit kein Experte den geheimen Aufbau eines Plutonium-Brüters durch Nordkorea in Syrien für möglich gehalten hätte. Vergessen sollte man in diesem Zusammenhang auch nicht die Chuzpe der Nordkoreaner, auf der einen Seite Verhandlungen über eine nukleare Abrüstung zu führen und gleichzeitig Syrien zur Nuklearmacht hochzurüsten. Die Geschichte der Proliferation von nuklearer Waffentechnik ist jedenfalls um ein makabres Kapitel angereichert worden.
 
Dass die israelische Aktion irgendeine Wirkung auf Iran gehabt hat, ist fraglich. Allenfalls dergestalt, dass Iran seine Luftverteidigungssysteme russischen Ursprungs beschleunigt ausbaut. Dennoch gibt es einen bemerkenswerten Zusammenhang zwischen dem israelischen Angriff auf al-Kibar und der möglichen Option eines Militärschlages gegen das iranische Nuklearprogramm. Alle Experten, die sich mit diesem Szenario befassen, sind sich in einem Punkt einig: Der Angriff würde einen Aufschrei des Entsetzens und massive Proteste im gesamten arabischen Lager auslösen, verbunden mit Racheakten der iranischen Revolutionsgarden und gesteigerten Aktivitäten des islamistischen Terrors.
 
So plausibel diese Annahme auch sein mag, das Beispiel Syrien mahnt dennoch zur Zurückhaltung: Die Zerstörung des syrischen Nuklearprogramms durch die israelische Luftwaffe ist von der arabischen Welt weitgehend kommentarlos hingenommen worden. Natürlich ist Syrien nicht Iran. Wer aber in der arabischen Welt will wirklich ein nuklear gerüstetes Iran?
 
* Der Autor ist ehemaliger Chef des Planungsstabes im deutschen Verteidigungsministerium.
 
 

Neue Zürcher Zeitung
http://www.nzz.ch/nachrichten/panorama/wie_iran_syriens_nuklearbewaffnung_vorangetrieben_hat_1.2221863.html


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