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60 Jahre Israel
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Fünfzig Jahre intellektueller französischer Vorurteile gegen Israel

Simon Epstein  |  Antisemitismus

Ein Interview mit Simon Epstein
 
In den letzten Jahren hat Frankreich negativ heraus geragt, nicht nur durch viele gewalttätige Angriffe auf Juden und ihre Einrichtungen, sondern auch wegen der oft antisemitischen intellektuellen und Medien-Attacken auf Israel. Simon Epstein, Forscher am Vidal Sassoon International Center for Study of anti-Semitism an der Hebräischen Universität in Jerusalem zeigt auf, dass die Ursprünge des intellektuellen französischen Antiisraelismus fast bis zur Zeit der Gründung des jüdischen Staates zurückreichen. Um eine Vorstellung der heutigen Probleme zu bekommen muss man ein besseres Verständnis ihrer historischen Entwicklung haben.
Das sowjetische „Ärzte-Verfahren“
Epstein führt ausführlich einen frühen, besonderen Tiefpunkt des moralischen Missbrauchs des Zionismus auf: „Im November 1947 stimmte die Sowjetunion bei den Vereinten Nationen für die Schaffung des jüdischen Staates; daher hatten die französischen kommunistischen Intellektuellen eine positive Haltung zu Israel. Als nach ein paar Jahren die Sowjetunion begann, eine antizionistische und antisemitische Haltung einzunehmen, drehten sich auch die Ansichten vieler französischer Kommunisten.“ Im Januar 1953 brachte die Zeitung „Prawda“ die Nachricht von der Anklage gegen neun Ärzte, von denen sechs Juden waren. Ihnen wurde vorgeworfen, den Tod führender Sowjets durch falsche Diagnosen und Behandlungen herbei geführt und weitere Morde geplant zu haben. Gleichzeitig intensivierte die sowjetische Presse ihre Kampagne gegen ‚Kosmopolismus und Zionismus’.
Französische kommunistische Intellektuelle organisierten größere Solidaritäts-Kundgebungen in Paris zur Unterstützung der offiziellen sowjetischen Haltung zum ‚Ärzte-Komplott’. Die Organisatoren sorgten dafür, dass es genug Juden unter den vielen Rednern auf dem Podium gab. Schlüsselrednerin war Annie Kriegel, die später eine glühende Antikommunistin und pro-zionistisch wurde und für die rechts gerichtete Zeitung ‚Le Figaro’ schrieb.
Die Botschaft der Redner war Furcht erregend. Viele erklärten, dass es normal sei, dass Ärzte Menschen vergifteten. Man müsse sich nur Mengeles Rolle in Auschwitz ansehen. Wenn er fähig war zu tun, was er tat, warum sollten andere Ärzte nicht Gift benutzen? Ein jüdischer Arzt war unter denen, die öffentlich diese Meinung vertraten. Als Arzt war er Zeuge dafür, dass der Vorwurf nicht absurd war. Er gründete seine Haltung auch auf das Fehlverhalten deutscher Ärzte im Zweiten Weltkrieg und erklärte, es könne nicht definitiv ausgeschlossen werden, dass Juden oder Zionisten sich entschieden sowjetische Prominente zu vergiften. (Jahre später bereute er seine Worte sehr.)“

Die Instrumentalisierung der jüdischen Gemeinden
„Die moralische Verirrung dieser ‚Zeugen’ war so schlimm, weil Frankreich - anders als die UdSSR - ein freies Land war. Die Redner sprachen freiwillig. Kommunistische Organisationen arrangierten auch eine groß angelegte Medienkampagne. Intellektuelle schrieben Artikel über die ‚kriminellen Ärzte’ oder unterschrieben Petitionen gegen sie. Wieder achteten die Organisatoren der Kommunistischen Partei darauf, dass unter den Unterzeichnern viele Juden waren.
Zu dieser Partei gehörten als jüdisch identifizierbare Organisationen wie die ‚Union des Sociétés Juives de France’ und die MRAP-Bewegung gegen Rassismus. Beide wurden zur Agitation im ‚Ärzte-Komplott’ mobilisiert. Viele antisemitischen Themen der damaligen Zeit kamen in antiisraelischen Kampagnen nach dem Sechstage-Krieg 1967 wieder auf.
Die ursprüngliche Intensität dieser Kampagnen war weit geringer als die in der Vorkriegszeit. Die Kommunisten griffen den Zionismus an, während sie - wie die Sowjetunion - immer Israels Existenzrecht anerkannten. In den 1950-ern dominierten sie die französische Linke. Der Trotzkismus war damals eine sehr kleine Gruppe, die erst zwanzig Jahre später zulegte, nach den Ereignissen vom Mai 1968, als der Kommunismus Kraft zu verlieren begann.
Ungefähr zur gleichen Zeit gewann die extreme Recht in Frankreich an Boden. 1953 waren alle nach dem Krieg verurteilten Kollaborateure wieder frei. Viele nahmen an der demokratischen französischen Gesellschaft teil, wo jedermann Versammlungsfreiheit und das Recht zur freien Meinungsäußerung hat. Die rechtsextreme Presse veröffentlichte wieder antisemitische Artikel. Eine rechtspopulistische Bewegung unter der Führung von Pierre Poujade gewann damals rund 50 Sitze im Parlament. Sie konzentrierte ihre Angriffe auf Pierre Mendés Frankreich, einen progressiven Juden, der 1954 Premierminister geworden war. Die antizionistische Publicity wurde fast komplett von den Kommunisten gefüttert.“

Die Charakteristika des französischen Intellektualismus
Epstein erklärt die vielfältigen Abweichungen des französischen Intellektualismus, indem er sich auf seine allgemeinen Charakteristika bezieht: „Er ist gekennzeichnet durch eine Tendenz zum Extremismus. Die Haltung des französischen Intellektuellen ist von der Notwendigkeit geprägt, die absolute Moral zu repräsentieren und das Gefühl zu geben, dass seine Analyse die einzig gerechtfertigte ist. Er muss kontrovers sein und Feinde definieren; Nuancen und Zwischenpositionen sind nicht gestattet.
Ein anderes Charakteristikum betrifft die Art, wie der Intellektuelle sich ausdrückt: Sprache, die sehr wichtig ist, muss immer komplex sein und rhtorische Aspekte beinhalten. Denken trennt sich von der Wirklichkeit und ist in theoretische Konstruktionen eingebettet, die auf eine absolute Welt zielen. Die Kombination dieser Merkmale regt zu größeren intellektuelle Verdrehung an.“
Epstein zeigt ein nicht mit der Sache verbundenes Beispiel desselben Phänomens auf: „Seit den 1970-ern sind viele französische Denker an der Rolle von Worten und der Vielzahl von Konzepten interessiert. Sie haben ganze Schulen von Intellektuellen geschaffen, deren Worte unverständlich sind. Wenn sie vor einer Zuhörerschaft stehen, stoßen sie endlos Abstaktionen aus, ohne einfache Worte zu benutzen. Das führt zu einem absurden Intellektualismus, den es auch in den Sozialwissenschaften andernorts gibt, der aber ursprünglich in Frankreich entwickelt wurde.“

Der Erfolg des Marxismus
„Der marxistische Intellektualismus war weit mehr als ein Wortspiel. Die Faszination, die der Marxismus auf wichtige Teile der französischen Linken ausübte, führte zu einem weitaus größeren Anteil Intellektueller, die von ihm angezogen wurden, als andernorts im Westen; möglicherweise war Italien eine Ausnahme. Er wurde im Nachkriegs-Frankreich besonders unter Intellektuellen, als orthodoxer Kommunismus wie auch in verschiedenen trotzkistischen Formen, extrem erfolgreich.
Dafür gab es viele Gründe. Der Marxismus ist eine hervorragendes theoretisches Konstrukt, der eine faszinierende Welt öffnet, die ganze Generationen anzog. Hatte man ihn einmal akzeptiert, konnte man für alles Erklärungen finden, von kurzfristigen Fragen bis zu langfristigen Entwicklungen. Er war ein kompliziertes System, anwendbar auf Politik wie auf die Geschichte.
Andere Faktoren spielten ebenfalls eine Rolle. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfreute sich die UdSSR großer Wertschätzung angesichts ihres wichtigen Beitrags zur Niederschlagung des Nationalsozialismus. Dieser Status vergrößerte das Prestige des Marxismus und die Faszination seiner alles umfassenden Theorie.“

Ein weiteres vollständiges System: der Faschismus
Epstein stellt heraus, dass in den 1930-ern der Faschismus auch ein vollständiges System mit ähnlichen Charakteristika war und zunehmend die Intellektuellen anzog. Einige Antifaschisten änderten ihre Ansichten 1933 oder 1934 radikal, darunter Ramon Fernandez und Pierre Drieu la Rochelle. Unter den Nazis wurden der letztere Herausgeber des führenden Literaturmagazins Nouvelle Revue Française (NRF). In ihren späteren Werken findet sich eine ästhetische Faszination durch den Faschismus, der ebenfalls auf alle Fragen eine Antwort hatte.
„Die Attraktivität des Faschismus für die Intellektuellen, die vorher gegen Antisemitismus geschrieben hatten, war sehr weit verbreitet. Unter den ersten, die ihn 1933 unterstützten, waren Pazifisten, die gegen den Krieg gegen Deutschland waren. Sie interessierte nicht, was mit den deutschen Juden passierte. Andere änderten ihre Meinung 1936 und viele weitere folgten 1938 zur Zeit des Münchener Abkommens. Sie behaupteten, dass die Juden für einen möglichen Krieg verantwortlich sein würden. Viele Intellektuelle, die vorher gegen den Antisemitismus geschrieben hatten, wurden entweder moderat oder extreme Antisemiten. Dieser Wechsel von pro-jüdischen Ansichten zum Antisemitismus war ein wichtiges Phänomen der 1930-er Jahre.“
Epstein beschäftigte sich mit einem Aspekt dieses Phänomens in einem Buch über die Ansichten früherer Unterstützer von Dreyfus unter der deutschen Besatzung, für die er eine Auszeichnung der Académie Française erhielt. Seine wichtigste und überraschendste Erkenntnis ist die hohe Wahrscheinlichkeit, dass jemand, der während der „Affäre“ ein aktiver, glühender und bekannter Dreyfus-Anhänger war, mit großer Wahrscheinlichkeit später ein Antisemit würde.1
Epstein arbeitet jetzt an einem neuen Buch, das sich mit einem weit größeren Querschnitt der französischen Intellektuellen und Politiker beschäftigt, die den Juden half und vor dem Zweiten Weltkrieg gegen Rassismus und Antisemitismus protestierte. Unter der Vichy-Regierung und der deutschen Besatzung war die Mehrzahl davon für eine von verschiedenen Formen der Kollaboration.2 „Dieser bedeutende Schritt vom Philosemitismus zum Antisemitismus hat eine doppelte Bedeutung. Er bestätigt die vielfältigen linken Wurzeln der Kollaboration mit Deutschland. Er zeigt auch die Zerbrechlichkeit des Philosemitismus und aller Systeme der jüdischen Verteidigung gegen den Antisemitismus.
Die Suche nach dem Absoluten offenbart sich in verschiedenen Formen des französischen Intellektualismus. Frankreich übernahm z.B. die intellektuelle Führung der Verleugnung des Holocaust nach dem Krieg, als ob es die Deutschen nach deren Niederlage unterstützen müsste. Das kann kaum erklärt werden.“

Nach dem Sechstage-Krieg
„Nach dem Sechstage-Krieg und den Ereignissen vom Mai 1968 brach der Antizionismus ein zweites Mal aus. Seine Studentenführer gehörten verschiedenen Fraktionen an. Einige waren Trotzkisten, andere extrem linke Intellektuelle. Zu ihnen gehörten viele Juden wie Alain Krivine, Führer der trotzkistischen Partei. Einige waren Kommunisten, die regelmäßig gegen Israel in der kommunistischen Zeitung L’Humanité schrieben.
Im Juni 1967 beschrieb Benoit Frachon, ein Führer der französischen kommunistischen Partei, die israelische Siegesfeier in Jerusalem mit den folgenden Worten: ‚Die Anwesenheit führender Persönlichkeiten aus der Finanzwelt gaben der Zeremonie einen anderen Charakter als die religiöse Inbrunst, als die, die die teilnehmenden wahren Gläubigen dort finden wollten. Das Spektakel machte den Eindruck, als ob - wie im Faust - Satan das Fest dirigierte. Nicht einmal das goldene Kalb fehlte, das seine diabolischen Machenschaften ins Auge fasste. Tatsächlich deuteten Informationen darauf hin, dass an diesen Orgiasmen zwei Vertreter des kosmopolitischen Stammes der Bankiers teilnahmen, die in allen Ländern der Welt bekannt waren: Alain und Edmond de Rothschild.’3
Andere, die Israel angriffen, waren linke Gaullisten wie Jacques Debé-Bridel und Emmanuel d’Astier de la Vigerie. Beide waren in der Resistance und hatten vor dem Krieg zur extremen Rechten gehört. Andere wieder, nicht weniger vehement antiisraelisch eingestellt, wie Georges Montaron, hatten einen katholisch-sozialen Hintergrund. Im links orientierten katholischen Journal Témoignage Chrétien konstruierte er eine Analogie zwischen Christus und den Palästinensern.
In dieser Athmosphäre verursachte de Gaulles Erklärung vom November 1967 über das jüdische Volk, sie seien ein Volk, das ‚sehr von sich überzeugt und elitär ist und zu Dominanz neigt’, eine riesige öffentliche Debatte über die Loyalität der Juden zu Frankreich. Der jüdische politische Philosoph Raymond Aron griff in die Diskussion ein und warf de Gaulle vor, er habe alte antisemitische Mythen wieder aufleben lassen.“4

Unterstützung der PLO
„Von 1967 bis 1973, als der verbale Antizionismus stark war, schien der klassische Antisemitismus unbedeutend. Die extreme Rechte war politisch schwach. Es gab in dieser Zeit wenige gewalttätige Zwischenfälle gegen Juden und viele Juden dachten, dass der Antisemitismus schließlich vorbei sei. Sie waren sich des Antizionismus bewusst, dachten aber, dass die alten, antijüdischen Vorurteile zweifellos verschwunden waren.
Als die PLO erstmals öffentlich auftauchte, akzeptierten die Intellektuellen der extremen Linken ihre gesamten Argumente. Sie utnerstützten die Palästinenser vollkommen und erklärten Israel für ungesetztlich; sie drückten ihre Befürwortung der Elimination Israels und an seiner Stelle der Schaffung eines demokratischen und säkularen Palästina aus.
Die einzige dominante Persönlichkeit aus der extrem linken Umgebung, der sich von der antizionistischen Kampagne distanzierte, war der Philosoph Jean-Paul Sartre. Der israelische Historiker Eli Ben Gal, der ihm damals besonders nahe stand, war Zeuge dafür.

Jüdische Reaktionen
„Viele jüdische Intellektuelle ragierten gegen die Angriffe auf Israel. Unter den wichtigsten war Jacques Givet mit seinem Buch von 1968 ‚Die Linke gegen Israel?’5, in dem er seine systematische Antwort auf die antiisraelische Propaganda gab. Er benutzte den Begriff ‚Neo-Antisemitismus’ für den Antisemitismus derer, die sagten, sie seien gegen Antisemitismus.
Léon Poliakov veröffentlichte 1969 ein kleines, heftiges Buch zum Antizionismus, in dem er erklärte, dass er eine Form des Antisemitismus war.6 Poliakov war gut vorbereitet das zu tun, da er der erste war, der eine verständliche Geschichte des Antisemitismus schrieb, für die er hauptsächlich bekannt war - was seine Studie in ein neues Feld der Wissenschaft verwandelte. Vorher erschien es auszugsweise in jüdischen Geschichtsbüchern. Auch Poliakov widmete seine Aufmerksamkeit dem Konzept des ‚neuen Antisemitismus’.
Beide Autoren unterschieden zwischen moderatem und extremem Antizionismus. Die erste Kategorie unternimmt eine falsche Gleichsetzung zwischen terroristischen Angriffen und israelischer Vergeltung, indem sie verdrehte Grunddaten des israelische-arabischen Konflikts benutzt. Die zweite kritisiert regelmäßig die Rothschilds - das Symbol des jüdischen Reichtums - als Helfer Israels. Sie werfen auch pro-israelischen Juden vor, mehr Israelis als Franzosen zu sein und verweigern Israel das Recht als normaler Staat zu existieren. Sie betrachten die Juden damit als das einzige Volk der Erde, das nicht einen eigenen Staat haben darf.
Außerhalb Frankreichs wurde das sehr klar von Daniel Elazar erkannt, der schrieb: ‚Das Absterben der Nachkriegsgeneration Mitte der 70-er Jahre markiert unter anderem das Verschwinden eines Tabus gegen Judenhass. Jetzt, in den frühen Jahren der zweiten Generation nach dem Holocaust, muss das jüdische Volk verstehen lernen, dass wir einer neuen Situation gegenüber stehen, einer, die dass gewisse Ausdrucksarten des Antisemitismus relative Straffreiheit gestattet.’7

Der Krieg im Libanon
„1982 - während und nach dem Libanon-Krieg - gab es einen neuen Ausbruch des Antizionismus, der oft in offenen Antisemitismus abglitt. Wieder ging die verbale Gewalt der linken Intellektuellen sehr weit. Es gab Boykott-Aufrufe gegen Israel und das Vokabular der Shoah wurde benutzt, als im August 1982 die Belagerung von Beirut diskutiert wurde. Der Krieg war viel kürzer als der jetzige und die Angriffe entwickelten sich nicht so detailliert.
Der Philosoph Alain Finkielkraut (1983) brachte verschiedene Beispiel von Nazi-Metaphern, die gegen Israel angewendet wurden. Die französische Zeitung ‚Libération’ schrieb, dass die Überlebenden jetzt ihren Verfolgern [also den Nazis] ähnelten. ‚Témoignage Chrétien’ nannte die Palästinenser von West-Beirut ‚die Kämpfer des Warschauer Ghettos’.8 Die falsche Gleichsetzung mit der Shoah konzentrierte sich auf eine andere wichtige Parallele: das französische Dorf Oradour, das mitsamt seinen Einwohnen 1944 von den Deutschen nieder gebrannt wurde - ein Symbol, das heftige Vergleiche hervor rief.
Diese Verdrehungen zeigen die falsche Interpretation der israelischen Intervention von 1982 auf: Begeisterung für den heldenhaften palästinensischen Widerstand, Dämonisierung des israelischen Premierministers Menachem Begin. Dies wurde begleitet von Vorwürfen, dass Israel Kriegsverbrechen beging, besonders nach der Tragödie von Sabra und Schatila. Die zweite Verdrehung war mit dem Wiederaufkommen grundsätzlicher antizionistischer Behauptungen verbunden, wobei die Unrechtmäßigkeit des Staates Israel betont wurde und das Konzept des ‚kriminellen Staates’ entwickelt wurde.
Die Angriffe nahmen manchmal lächerliche Formen an. Eines Tages sah ein Reporter von ‚Le Monde’, wie israelische Soldaten ihn passierten. Er schrieb, dass die Nachlässigkeit ihrer Kleidung die libanesische Bevölkerung beleidige. Ein paar Tage später sah er reguläre israelische Truppen vorbei kommen und schreib, dass die Korrektheit ihrer Kleidung die libanesische Bevölkerung beleidige. Dies ist nur ein sehr kleines Beispiel der Befangenheit der Medien.
Die Intellektuellen offenbarten sich mit dem Beginn der Intifada 1988 erneut gegen Israel; die verbale Gewalt war viel geringer als 1982, obwohl die Themen die gleichen waren. Sie rifen zu einem Boykott Israels auf. Israel wurde mit Nazi-Begriffen beschrieben und blähten Israels Taten auf, so dass sie als schwere Gräueltaten dargestellt wurden. Trotzdem blieben die verbalen Attacken deutlich unter dem derzeitigen Niveau.“

Physische Gewalt
„Die Wellen verbaler antiisraelischer Gewalt von den linken Intellektuellen sollte nicht mit den physischen Angriffen in Frankreich durcheinander gebracht werden. Physischer und intellektueller Antisemitismus folgen nicht denselben Zyklen; sie arbeiten mit unterschiedlichem Rhythmus. Manchmal mögen sie sich treffen, so wie in den letzten zwei Jahren, als es bedeutende verbale Gewalt gegen Israel gab und gleichzeitig viele physische Angriffe.“ Vor einigen Jahren erklärte Epstein in einem Aufsatz: „Die erste Welle, die ‚Hakenkreuz-Epidemie’ genannt werden sollte, wurde in Westeuropa, den Vereinigten Staaten und Lateinamerika beobachtet. Sie begann mit der Schändung einer Synagoge in Köln am 25. Dezember 1959 durch zwei junge Deutsche, die zügig festgenommen und schwer bestraft wurden. 685 Vorfälle wurden in Deutschland registriert, über 600 in den USA. Insgesamt wurden fast 2.500 Vorfälle an 400 Orten in der gesamten Welt gezählt.“9 Trotzdem kamen nach den Vereinbarungen von Evian 1962 viele algerische Juden in Frankreich an und sie wurden nicht mit wesentlichem Antisemitismus konfrontiert.
Die zweite, weitaus intensivere Welle physischer Gewalt begann 1974/75 und erreichte ihren Höhepunkt in den frühen 80-er Jahren. Synagogen wurden angezündet. Der dramatischste Vorfall in Frankreich war eine Bomber vor der Synagoge in der Kopernikusstraße in Paris im Oktober 1980, die 10 Passanten tötete.10

Die 80-er Jahre
„1982 traf der intellektuelle anitiisraelische Zyklus mit dem Ende des zurückgehenden klassischen, gewalttätigen antisemitischen Zyklus zusammen. Damals wie heute wurden eine Reihe neo-antisemitischer Symposien abgehalten. Mitte der 80-er Jahre ging die antisemitische Gewalt deutlich zurück.
1987 stieg die Zahl der Vorfälle physischer Gewalt erneut an; diese dritte Welle erreichte 1992 ihren Höhepunkt. Es ist nicht klar, was diesen Zyklus auslöste. Es konnte nicht die palästinensische Intifada sein, denn diese begann deutlich früher. Es schien fast so, als hätte die Gewalt einen natürlichen Rhythmus.
Die physischen Angriffe nahmen in der Zeit von 1990 bis 1992 zu. 1990 wurde der jüdische Friedhof von Carpentras geschändet. Ursprünglich wurde die extreme Rechte beschuldigt. Die gesamte Linke, einschließlich Präsident Mitterand und vieler Intellektueller, beteiligte sich an großen antifaschistischen Protest-Demonstrationen im Mai 1990. Ab 1992 ging die pyhsische Gewalt wieder zurück und eine Reihe ruhiger Jahre folgte. Die neue Welle von Anschlägen begann kurz vor dem Jahr 2000.

Die Gegenwart
„In den letzten beiden Jahren traf die Kampagne der physischen Gewalt klar mit der intellektuellen zusammen. Es gab sogar viel mehr gewalttätige Vorfälle als früher in einer gleichen Zeitspanne. Im Gegensatz zu früheren Wellen werden nach Schätzungen sind aber 80 Prozent der Täter junge Leute aus dem Kreis der maghrebinischen (arabischen) Immigranten. Die restlichen 20 Prozent sind, wie in der Vergangenheit, extrem rechte Rowdies. Das führt zu vier wichtigen Erkenntnissen:
1. Die Zahl der Anschläge in Frankreich ist vergleichsweise höhe als jedem anderen Land. Das liegt daran, dass es unter den wichtigen westlichen Ländern das ist, dessen muslimische Bevölkerung vornehmlich arabisch ist.
2. Antijüdische Gewalt ist nicht ausschließlich mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt verbunden, wenn auch von ihm ausgelöst. Es gibt viele Hinweise darauf, dass diese Angriffe auch eine gesellschaftliche Basis haben, da die maghrebinische Jugend die Juden mit Geld und Macht identifiziert.
3. Ein sorgfältiger Blick auf die Statistiken zeigt einen Zuwachs an Vorfällen vor dem Beginn der Intifada.
4. Es gibt eine Verbindung zum Aufstieg der extremen Rechten in den letzten zwei Jahren, der seinen Höhepunkt in der Präsidentenwahl im Frühjahr 2002 erreichte als der Führer der ‚Front National’, Jean-Marie Le Pen, den sozialistischen Kandidaten Lionel Jospin für die Stichwahl ausstach.
Die Welle der intellektuellen und Medien-Feindseligkeit gegen Israel und die Juden drückte sich in fehlenden Reaktionen auf die Brandanschläge auf Synagogen und jüdische Zentren aus, besonders in linken Kreisen, die in der Vergangenheit sehr heftig auf antisemitische Vorfälle reagierten, die von der extremen Rechten begangen wurden. Die Vorfälle wurden klein geredet, weil sie von jungen arabischen Immigranten begangen wurden.
Diese Entwicklung geschieht vor dem Hintergrund der Entdeckung der Politischen Parteien, dass die arabische und muslimische Bevölkerung eine große Wählergruppe ist. Der sozialistische Stratege Pascal Boniface schrieb z.B. eine Studie für seine Partei, in der er betonte, dass es in Frankreich zehnmal mehr Muslime als Juden gibt, womit er andeutete, dass es eine konsequente Hinwendung zu einer stärke pro-palästinensischen Position geben sollte. Er veröffentlichte auch einen Artikel hierzu in ‚Le Monde’, der viel Polemik auslöste.“12

Betäubendes Schweigen begleitet neue Anschläge
„Das taub machende Schweigen über die gewalttätigen antisemitischen Vorfälle ist begleitet von einem Strom verbaler Angriffe auf Israel, die Behauptungen früherer antizionistischer Kampagnen wieder aufwärmen. Die Moderaten vergleichen Sharon mit Milosevic; die Extremisten vergleichen ihn mit Hitler.
Ein extremes Beispiel der linken Verdrehungen war ein Artikel, der von Sara Daniel im führenden intellektuellen Magazin ‚Le Nouvel Observateur’ geschrieben wurde, das von ihrem Vater Jean herausgegeben wird. Der Artikel beschäftigte sich mit den Ehrenverbrechen gegen Frauen, die in der arabischen Gesellschaft illegitimer sexueller Beziehungen verdächtigt werden. Darin wurde ganz nebenbei erwähnt, dass israelische Soldaten gezielt palästinensische Frauen vergewaltigten, weil sie wissen, dass diese, nun entehrt, bei ihrer Heimkehr getötet würden. Israelische Soldaten werden so als machiavellische Vergewaltiger dargestellt. Dieser Abschnitt wurde aus einer militanten palästinensischen Quelle ohne jegliche Glaubwürdigkeit übernommen, ohne diese zu benennen. Daniel stellte es als Tatsache dar. Ihr Vater wurde zu einer Entschuldigung aufgefordert und kam dem halbherzig nach.13
Gleichzeitig wurde ein anderes schockierende Phänomen bekannt: Lehrer, die den Holocaust in französischen Klassenzimmern erwähnen, werden von Schülern maghrebinischer (arabischer) Herkunft eingeschüchtert, die nicht wollen, dass die Shoah gelehrt wird. Eine Art islamistischer Zensur zum Lehren über die Shoah ist aufgekommen - ein weit verbreitetes und gut dokumentiertes Phänomen.14
Die derzeitige Betonung des ‚neuen Antisemitismus’ ist daher sinnlos. Mehrere Autoren haben Bücher zu diesem Thema veröffentlicht, in denen sie die Geschichte vergessen und annehmen, alles beginne heute.15 Frankreichs anerkanntester Antisemitismus-Forscher, Pierre-André Taguieff, untersucht bereits seit 1980, was er ‚die neue Judeophobie’ nennt.16 Wenn ich höre, wie Leute über Antisemitismus reden, wundere ich mich immer wieder, ob sie nur einfach ignorant gegenüber der Vergangenheit sind.“

Das Interview führte Manfred Gerstenfeld
Dieses Interview basiert auf Dr. Epsteins Vortrag „Neue und alte Elemente des französischen Antisemitismus - Beobachtung, Analyse und Kampf“, der in der ersten Serie der Herbert Berman-Gedächtnis-Vorträge der JCPA am 24. April 2002 gehalten wurde.
Simon Epstein kam 1974 nach Jerusalem. In Frankreich war er vorher Generalsekretär der französischen Zionistischen Vereinigung..Er arbeitete als Wirtschaftsexperte in der Haushaltsabteilung des israelischen Finanzministeriums. Seit 1982 hat er Bücher und Artikel zu Antisemitismus und Rassismus veröffentlicht. Er ist ein frührer Direktor des Vidal Sassoon International Center for Study of anti-Semitism an der Hebräischen Universität in Jerusalem, wo er nun seine Forschungen betreibt. Er lehrt auch an der Hebräischen Universität.

Anmerkungen:
1. Simon Epstein, Les Dreyfusards sous l'Occupation, Paris, Albin Michel, 2001.
2. Simon Epstein, Les Antiracistes dans la Collaboration (vorläufiger Titel, Veröffentlichung geplant).
3. L'Humanité, 16. Juni 1967.
4. Raymond Aron, De Gaulle, Israél et les Juifs, Paris, Plon, 1968. [französisch]
5. Jacques Givet, La Gauche contre Israél, Paris, Jean-Jacques Pauvert, 1968.
6. Léon Poliakov, De l'antisionisme é l'antisémitisme, Paris, Calmann Lévy, 1969. Vgl. auch zum gleichen Thema, aber weniger wissenschaftlich und in polemischerem Stil: Paul Giniewski, L'antisionisme, Brussels, Librairie Encyclopédique, 1973.
7. Patterns of Prejudice, Vol. 16, No. 4, Oktober 1982
8. Alain Finkielkraut, La Réprobation d'Israél, Paris Denoél/Gonthier, 1983, S. 122-123. Siehe auch zum gleichen Thema: Annie Kriegel, Israel est-il coupable?, Paris, Robert Laffont, 1982.
9. Simon Epstein, "Cyclical Patterns in Antisemitism: The Dynamics of Anti-Jewish Violence in Western Countries since the 1950s," Acta no. 2, Jerusalem, The Hebrew University of Jerusalem, 1993.
10. Simon Epstein, Cry of Cassandra: The resurgence of European anti-Semitism, Bethesda, National Press, 1985.
11. Quoted in L'Arche, März 1983.
12. Pascal Boniface, "Lettre é un ami israélien," Le Monde, August 4, 2001. Siehe auch vom selben Autor: "Est il interdit de critiquer Israél?" Le Monde, 31. August 2001.
13. Siehe Jean Daniel, "Pour cinq lignes que nous regrettons.une erreur et une cabale," Le Nouvel Observateur, 22. November 2001.
14. Siehe z.B.: Eric Conan, "Islam, ce que l'on n'ose pas dire." L 'Express, 12. September 2002.
15. Gilles William Goldnadel, Le nouveau bréviaire de la haine, Paris, Ramsay, 2001 und Raphael Draé, Sous le signe de Sion. L'antisémitisme nouveau est arrivé, Paris, Michalon, 2001.
16. Pierre-André Taguieff, La Nouvelle Judéophobie, Paris, Mille et Une Nuits, 2002.


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